Ihr Laden war in Wilhelmshöhe

Als Buchhändlerin eine Legende: Gerda Brencher ist tot

So bleibt sie in Erinnerung: Gerda Brencher ging erst mit 88 Jahren in den Ruhestand. Sie galt als älteste Buchhändlerin Deutschlands und starb jetzt mit 93 Jahren. Archivfoto:  Meyer/nh

Kassel. Schon zu ihrem 80. Geburtstag wurde sie als älteste Buchhändlerin Deutschlands gefeiert. Da hat sie in ihrem Laden noch acht Jahre weiter gemacht.

Im Alter von 93 Jahren ist Gerda Brencher gestorben.

In Bad Wilhelmshöhe war sie eine Institution und hat gern dort gearbeitet. Das sei ein Stadtteil, der sich sehr sehr gut entwickelt habe, sagte sie einmal. Und sie wusste, wovon sie redete. Seit 1945 hatte Gerda Brencher die Entwicklung hautnah verfolgt. Als junge Frau startete sie mit Freyschmidts Leihbücherei nur wenige Meter entfernt von ihrem langjährigen Buchladen.

Zu ihr kamen sie früher oder später fast alle. Die Patienten und Kurgäste der Habichtswaldklinik ebenso wie die Touristen, deren Zahl immer mehr zunahm. Hellwach und eloquent unterhielt sich Gerda Brencher auch jenseits der 80 mit ihren Kunden. Um ein bestimmtes Buch aus einem der bis unter die Decke gefüllten Regale zu holen, klettert sie - flink wie eine Katze - noch auf eine Leiter. Seit ihrer Kindheit war sie Mitglied im TSV Wolfsanger. Als Leiterin der Gymnastikgruppe hat sie sich erst im Alter von 83 Jahren verabschiedet. Für ihren ehrenamtlichen Einsatz über Jahrzehnte wurde sie mit dem Ehrenbrief des Landes ausgezeichnet.

Die große Liebe ihres Lebens waren Bücher. Stets habe ihr Beruf sie ausgefüllt, sagte sie vor fünf Jahren, als sie in den Ruhestand ging. Gerda Brencher wuchs als Bäckerstochter in Wolfsanger auf. Viele Jahre pflegte sie ein enges Verhältnis zu ihren Geschwistern. Als zunächst die Schwester und dann der Bruder starb, hat sie das schwer mitgenommen. Viele Jahre wohnte sie allein im Elternhaus.

Sie habe Zeiten erlebt, da seien die Menschen regelrecht ausgehungert nach Lesefutter gewesen, erzählte sie einmal. Weil Bücher im Krieg knapp waren, hatte ihre Chefin die Idee, eine Leihbücherei zu eröffnen. Die übernahm nach kurzer Zeit Gerda Brencher. Nach dem Krieg führte sie die Bücherei in Eigenregie weiter.

Aus einer Behelfsunterkunft an der Wilhelmshöher Allee wurde nach und nach die Buchhandlung Brencher. 1969 zog sie ins neu gebaute Nachbarhaus. Den 50 Quadratmeter kleinen Buchladen in Bad Wilhelmshöhe hatte im Jahr 2010 Jörg Robbert (Buchhandlung am Bebelplatz) übernommen. Mittlerweile ist die Buchhandlung Brencher - der Name existiert weiter - in größere Räume an der Wilhelmshöher Allee/Ecke Rolandstraße umgezogen.

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