Eine Angehörige aus Kassel berichtet

Coronavirus sorgt für massive Auswirkungen für Ältere: „Das ist doch auch kein Leben mehr“

Corona in Kassel: Virus sorgt für massive Auswirkungen für Ältere
+
Verzweifelt an Corona-Einschränkungen: Die an Alzheimer erkrankte Mutter von Petra Linsel aus Kassel lebt in der Senioren-Residenz Mundus. Besuche sind seit kurzem nur in Ausnahmefällen gestattet.

Seniorenheime haben die Besuche wegen des Coronavirus stark eingeschränkt oder ganz untersagt. Das trifft Bewohner und Angehörige. Ein Beispiel aus Kassel.

Kassel – Petra Linsel fühlt sich machtlos. Ihre an Alzheimer erkrankte Mutter lebt seit sechs Jahren in der Senioren-Residenz Mundus in Wilhelmshöhe (Kassel). „Meine Mutter nimmt eigentlich nur noch Berührungen, Gerüche und Töne wahr. Man kann mit ihr nicht mehr sprechen, also auch nicht telefonieren. Sie ist in der letzten Phase ihres Lebens. Wenn sie dort wochenlang ohne Kontakt zu vertrauten Menschen liegt und an die Decke starrt, ist das doch auch kein Leben mehr“, sagt Linsel.

Die Tochter war in den vergangenen Jahren fast jeden Tag mehrere Stunden bei der 80-jährigen Mutter, die über eine Sonde ernährt wird. Sie hat ihr Geschichten erzählt, Musik gemacht, ihr Gegenstände zum Ertasten gereicht. „Ich will ihr vermitteln: Da ist noch jemand! Und ich habe auch das Gefühl, dass sie das wahrnimmt.“ Doch wegen der Corona-Epidemie sind Besuche in der Senioren-Residenz seit Freitag nur noch in Ausnahmefällen und nur mit Schutzkleidung und Mundschutz erlaubt.

Corona in Kassel: Schutz der Bewohner hat Vorrang

„Es geht hier um den Schutz unserer Bewohner. Der hat Vorrang, und ich trage dafür die Verantwortung“, sagt Mundus-Leiterin Monika Salomon zu den Maßnahmen, die wegen des Coronavirus durchgeführt werden. Ausnahmen würden bei der Sterbebegleitung gemacht oder wenn es Bewohnern akut sehr schlecht gehe. Selbst bei runden Geburtstagen werde nur ein Angehöriger zu den Bewohnern gelassen. Letztere zeigten dafür aber Verständnis. Wer noch mobil sei, dürfe die Senioren-Residenz – zumindest aktuell – auch verlassen.

Linsel kann nicht verstehen, warum für Fälle wie ihren keine Lösungen gesucht werden. Es müsse doch möglich sein, mit Schutzkleidung zu eingeschränkten Zeiten solche schwer erkrankten Menschen zu besuchen. „Das ist ein Gebot der Menschlichkeit.“ Immerhin dürften mobile Bewohner die Anlage in Kassel jederzeit verlassen und könnten sich im Kontakt mit ihren Besuchern so ebenfalls infizieren. „Wenn das kein Problem ist, können sie mir doch auch meine Mutter im Rollstuhl vor die Tür fahren.“

Maßnahmen wegen Coronavirus in Kassel „völlig inkonsequent“

Gestern war zudem ein Umzugsunternehmen dabei, eines der Appartements in der Senioren-Residenz in Kassel zu räumen. Die Mitarbeiter der Firma trugen zum Teil keinen Mundschutz und erst recht keine Schutzkleidung – gingen aber ein und aus. Dies nahm Petra Linsel kopfschüttelnd zur Kenntnis. „Das ist doch völlig inkonsequent.“

Der Angehörigen stehen Wochen voller Ungewissheit bevor. Niemand wisse, wie lange die Isolation wegen Corona nun dauere. „Die haben mir nur gesagt, wenn meine Mutter im Sterben liegt, würden sie mich informieren. Bis ich vor Ort bin, kann es doch längst zu spät sein.“

Kontakt: Petra Linsel sucht Kontakt zu ebenfalls betroffenen Angehörigen, um eine Gruppe zu gründen. Sie ist auf Facebook unter ihrem Namen zu finden.

Mehr zu Corona in Kassel:

Corona bedroht Olympia - Dutkiewicz aus dem Kreis Kassel im Interview: „Schwebezustand ist das Schlimmste“. Während weltweit gerade Meisterschaften ausgesetzt, verschoben oder abgesagt werden, und die Sportler Klarheit bekommen, ist eine Frage immer noch ungeklärt: Was geschieht mit den Olympischen Sommerspielen, die vom 24. Juli bis 9. August in Tokio stattfinden sollen?

Von Bastian Ludwig

Seit März sind Besuche wegen Corona in Seniorenheimen nur in Ausnahmefällen erlaubt. Im Aschrottheim in Kassel treffen sich Bewohnerinnen und Angehörige deshalb am Gartenzaun.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.