Interview mit Pfleger aus Kassel

„Habe mir einen kleinen Panzer zugelegt“: So erlebt ein Intensivpfleger auf der Corona-Station die Krise

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Dominik Semler (27) stammt aus Norddeutschland. Seit 2016 arbeitet er in den Kasseler DRK-Kliniken. Für ihn ist der Pflegeberuf ein Traumjob. Derzeit steht er kurz vor dem Abschluss seiner Weiterbildung zum Intensivpfleger. Über seinen Alltag in der Pflege berichtet er auch auf seinem Instagram-Account @derkrankenbruder

Die Corona-Krise stellt das Pflegepersonal in Krankenhäusern vor besondere Herausforderungen. Wir sprachen mit eine Intensivpfleger aus Kassel über die aktuelle Situation.

  • Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus.
  • Viele der Infizierten müssen in Krankenhäusern auf Intensivstationen betreut werden.
  • Wir haben mit einem Krankenpfleger über die Situation gesprochen.

Dominik Semler ist Krankenpfleger – für ihn ein Traumberuf. Im Moment arbeitet Semler auf der Covid-19-Intensivstation in den Kasseler DRK-Kliniken. Im Interview spricht der 27-Jährige über seinen Arbeitsalltag und wie sich die Arbeit mit den Patienten verändert hat.

Herr Semler, haben Sie sich freiwillig gemeldet, um auf der Corona-Intensivstation zu arbeiten. Oder ist das eine Selbstverständlichkeit?

Am Anfang wurde gefragt, ob es Freiwillige gibt, die dort arbeiten möchten. Ich war unter den Ersten, die sich gemeldet haben. Ich habe gesagt, ich mache das gern. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, da ich aktuell in keiner Partnerschaft bin und allein wohne. Im Ansteckungsfall könnte ich mich problemlos zuhause isolieren. Bei Kollegen, die Familie haben oder mit älteren Angehörigen zusammen wohnen, ist das deutlich schwieriger. Auch einige andere Kollegen waren sofort bereit. Die Kollegen, die zur Risikogruppe gehören, hat man außen vor gelassen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit auf der normalen Intensivstation von der auf der Corona-Intensivstation?

Die Schutzmaßnahmen auf der Corona-Intensivstation sind weitaus höher als auf der normalen Intensivstation. Ich überlege jeden Arbeitsschritt, den ich mache, mehrfach. Auf der Corona-Station ist man vom restlichen Krankenhausgeschehen noch mal mehr abgeschottet, als man es auf der normalen Intensivstation ohnehin schon ist. Die meisten Kollegen höre ich nur am Telefon. Ich verlasse nicht mal eben die Station, weil ich mich dafür komplett ausschleusen müsste, das heißt: Kleidung wechseln, desinfizieren, Schuhe putzen. Wenn Material fehlt, ruft man Kollegen an, die es dann an der Schleuse ablegen.

Wie sieht denn Ihre Schutzkleidung auf der Station aus?

Ich trage einen Schutzkittel, Handschuhe, eine Haube, eine FFP2-Maske, eine Schutzbrille und manchmal auch noch ein spezielles Gesichtsvisier. Das Visier wird immer aufgesetzt, wenn die Gefahr besteht mit Aerosol, also dem Luftgemisch aus der Beatmungsanlage, in Kontakt zu kommen. Das sogenannte Face Shield schützt im Gesichtsbereich zusätzlich vor kleinsten Tröpfchen, durch die ich mich infizieren könnte.

Wie sieht der Arbeitsalltag aus?

Wir sind in den vergangenen Wochen zu zweit oder zu dritt gewesen. Es ist versucht worden, dass eine 1:2-Betreuung möglich war – also eine Pflegekraft zwei Patienten versorgt.

Ist die Arbeitsbelastung in diesen Tagen höher?

Die Belastung war bereits vor Corona hoch und ist es auch in diesen Tagen – da spüre ich keine Veränderung. Pflegekräfte arbeiten bereits seit Jahren am Limit. Machbar ist das alles, nur leider immer zulasten der Patienten.

Wie hat sich die Arbeit mit den Patienten verändert?

Zu Beginn kamen die meisten bereits beatmet zu uns. Das heißt, dass sie nicht ansprechbar waren. Ich bin jemand, der sich gerade im Nachtdienst zu den Patienten setzt, wenn es die Zeit erlaubt. In bestimmten Situationen hilft das vielen, und man signalisiert den Patienten, dass sie nicht allein sind. Vielen kann man so die Angst ein bisschen nehmen. Auf der Corona-Intensivstation ist das oft einfach nicht möglich. Je länger man sich in dem Zimmer aufhält, desto schwieriger wird auch das Atmen unter der Maske. Man schwitzt wahnsinnig. Da ist dann nicht mehr die Zeit und vor allem auch oft nicht mehr die Kraft, mal eine Hand zu halten, wie man das sonst getan hat.

Betreuen Sie einen Patienten über mehrere Tage?

Genau. Wir versuchen, dass der Patient, wenn möglich, immer von denselben Pflegekräften betreut wird. Der Grund ist, dass man in regelmäßigen Diensten viel mehr über den Patienten weiß, als wenn es einen ständigen Wechsel geben würde. Nach zwei, drei Diensten weiß ich, wie sich ein Patient am Beatmungsgerät verhält oder was Stressanzeichen bei den Erkrankten sind. Auch zu wissen, in welchem familiären Umfeld der Erkrankte lebt und wie seine soziale Situation ist, ist wichtig.

Haben Sie in diesen Tagen erlebt, dass Patienten verstorben sind?

Ja, das habe ich.

Das nimmt man dann gedanklich mit nach Hause?

Nein. Es gibt Fälle, da denkt man im Dienst noch mal drüber nach. Aber ich hab mir da mittlerweile einen kleinen Panzer zugelegt. Sofern ich mir sicher bin, dass ich alles getan habe, was möglich ist, kann ich damit relativ schnell abschließen. Sobald ich meine Dienstkleidung ausgezogen habe, bin ich nicht mehr Pfleger Dominik, sondern einfach nur noch Dominik. Dann hat Arbeit nichts mehr in meinen Gedanken zu suchen. Diesen Strich kann ich auch in der momentanen Situation noch gut ziehen.

Dürfen sich die Angehörigen in diesen Tagen von Verstorbenen verabschieden?

Nicht wie im gewohnten Maße, also dass die Familie sich im Krankenhaus versammelt. Eine Person darf sich unter strengen Schutzmaßnahmen verabschieden. Für Angehörige ist es sehr wichtig, sich verabschieden zu können.

Wie haben Sie die Wertschätzung in den vergangenen Wochen erlebt?

Die Welle der Dankbarkeit, die uns zu Anfang erreicht hat, ist abgeflacht – auf politischer, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene. Ich kann es irgendwo verstehen. Man merkt, dass alle mittlerweile von der sozialen Isolation ein bisschen erschöpft sind. Jeder macht sich Gedanken, wie es für ihn persönlich weitergeht und hat damit genug zu tun.

Wird die Krise langfristig etwas am Image des Pflegeberufs ändern können?

Ich denke schon. Ich glaube, dass die Berichterstattung der Medien über die Situation in Krankenhäusern und Pflegeheimen das Thema bei vielen jungen Menschen stärker ins Bewusstsein gerückt hat. Vielen ist jetzt bewusst geworden, was der Beruf bedeutet und mit welche Aufgaben er verbunden ist. Auch auf Instagram erzählen viele Pfleger, wie schön es ist, in diesen Tagen in einem Team zu arbeiten, dass in vielen Fällen einer Familie gleicht. Und eben auch, dass es ein tolles Gefühl ist, gemeinsam schwierige Situationen zu meistern. Ich glaube, dass das für viele ausschlaggebend sein kann, in den Beruf reinschnuppern zu wollen.

Wie erleben Sie die Krise mit ihren Kollegen?

Ich glaube schon, dass uns das näher zusammengebracht hat. Dadurch, dass wir auf der Corona-Station reduzierteren Kontakt zu anderen haben, lernt man sich auf einer privateren, zwischenmenschlicheren Ebene noch mal anders kennen. Ich glaube, dass das in diesen Tagen nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen anderen Arbeitskollegen in allen Branchen der Fall ist. Man wächst an der Krise.

Wie fühlt es sich an, wenn plötzlich alle Maske tragen?

Ich war kürzlich einkaufen, an einem der ersten Tage der Maskenpflicht. Einerseits finde ich es gut, dass die Leute mal mitbekommen, wie es ist, die ganze Zeit eine Maske zu tragen. Dass sie ein Gespür bekommen, was im Krankenhaus für uns Alltag ist. Aber es fällt auch auf, dass viele darüber hinaus weitere Schutzmaßnahmen vergessen – wie zum Beispiel Abstand halten. Alle Maßnahmen zusammen sind der richtige Kurs.

Tragen Sie auch außerhalb des Supermarktes einen Mundschutz?

Wenn ich in Gegenden unterwegs bin, wo viel los ist, dann schon. Ich arbeite auf der Covid-Station und möchte niemanden unnötig in Gefahr bringen.

Von Kathrin Meyer

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