Melanie Hanke leitet den Aldi in Lohfelden

Corona in Kassel: Das sind die stillen Helden im Supermarkt

In vielen Branchen wird in diesen Tagen unter extremen Bedingungen gearbeitet. Zwei Supermarkt-Mitarbeiter erzählen, wie sie die aktuelle Situation erleben und warum sie sich nicht als Helden sehen.

Für sie ist die Arbeit im Handel ein Traumjob: Die 38-jährige Melanie Hancke leitet seit 2016 den Aldi-Markt in Lohfelden.

Mittwochmorgen im Aldi-Markt in Lohfelden. Melanie Hancke hat gute Laune – und das, obwohl einige sehr ungewöhnliche und mitunter auch stressige Wochen hinter der Marktleiterin liegen. Sie winkt ab: „Eigentlich waren die Wochen relativ normal. Wir haben doch nur unseren Job gemacht, wie andere auch.“

Es sei auf keinen Fall so gewesen, dass sie die Arbeit bis in ihre Träume verfolgt hat. „Das wäre ja auch schlimm.“ Wenn sie erzählt, dann merkt man der 38-jährigen Kasselerin sofort an, dass sie jemand ist, der zupackt und die Dinge eben nimmt, wie sie kommen – auch in diesen Zeiten.

„Am Anfang war es so, dass niemand so recht wusste, wie er mit der Situation umgehen soll – weder wir, noch die Kunden. Alle waren ein bisschen überfordert“, sagt Melanie Hancke. „Aber jetzt weiß jeder, worum es geht. Die Situation im Supermarkt ist mittlerweile wieder zum Alltag geworden.“

Obwohl – vielleicht nicht ganz: „Ich habe das Gefühl, dass die Kunden durch die Krise umsichtiger geworden sind. Man achtet mehr auf seine Mitmenschen“, sagt Hancke. Oft kommen Kunden, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören, die Einkäufe erledigen. „Die Krise hat dazu geführt, dass viele sich nicht nur auf den eigenen Alltag konzentrieren, sondern eben auch an andere denken. Zumindest hier in Lohfelden habe ich den Eindruck, dass die Solidarität sehr groß ist. Das fühlt sich gut an.“

Von den Kunden bekommen die Mitarbeiter im Aldi-Markt viel Zuspruch. Eine Stammkundin hat für alle Masken genäht. „Viele fragen, ob sie uns irgendwie unterstützen können oder bringen gerade jetzt zu Ostern kleine Geschenke vorbei, um uns eine Freude zu machen“, sagt Melanie Hancke.

Verzweiflung oder Panik hat die Marktleiterin in diesen Tagen aber nur selten erlebt. Auch in ihrem Team von 15 Mitarbeitern habe sich noch niemand gemeldet, der aufgrund des Ansteckungsrisikos nicht arbeiten will. „Die Schutzmaßnahmen sind hier schnell und gut umgesetzt worden“, sagt Melanie Hanke. Das wissen auch ihre Kollegen. „Gerade jetzt hält das Team zusammen.“

Oft fällt in diesen Zeiten die Bezeichnung Held – auch für die Mitarbeiter in den Supermärkten. Ein Held möchte Melanie Hancke nicht sein. „Wir machen unseren Job, so wie wir ihn immer machen“, sagt sie. Dass ihre Arbeit aktuell eine besondere Aufmerksamkeit und eine hohe Wertschätzung bekommt, das bestreitet sie aber nicht. Aber aus ihrer Sicht war es nie so, dass die Arbeit im Supermarkt verpönt war. „Meine Kollegen kommen jeden Tag gern her und haben Spaß an ihrer Tätigkeit“, sagt sie. Dass jetzt auch anderen auffällt, was im Supermarkt geleistet wird, darüber freut sich Melanie Hancke. „Sonst ist das oft bei vielen eine alltägliche Selbstverständlichkeit.“

Die Arbeit im Supermarkt also ein Traumjob? Für Melanie Hancke auf jeden Fall. „Ich habe mir diesen Job ausgesucht und eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht“, sagt sie. Diese Entscheidung bereut sie bis heute nicht. „Dass kein Tag wie der andere ist und der Kontakt mit den verschiedensten Menschen, das ist das, was diese Arbeit ganz besonders macht.“

Manchmal fühlt sich die Arbeit in diesen Tagen aber dann doch ein bisschen anders an. Weil viele ihr Gesicht zum Schutz mit einer Maske bedecken, bleiben auch Gefühle dahinter verborgen. „Aber wenn ich in die Augen der Kunden blicke, weiß ich, ob der Mensch glücklich ist oder ihn vielleicht etwas bedrückt“, sagt Melanie Hancke. Dann macht die 38-Jährige einfach nur das, was sie sonst auch macht: behilflich sein, für gute Laune sorgen oder manchmal auch ein offenes Ohr haben. Eben wie sie sagt: ihren Job.

Geschützt durch eine Plexiglasscheibe: Kassiererin Marina Kisz (links), Marktleiterin Melanie Hancke (rechts) steht dort, wo sonst die Kunden bezahlen.

Interview mit Tegut-Geschäftsfüher: „Man hat gehofft, dass Ruhe einkehrt“

Uwe Hahn arbeitet seit fast 40 Jahren im Einzelhandel. Seit 2002 ist er Geschäftsführer im Tegut auf der Marbachshöhe. Auch er möchte seinen Job in diesen Tagen nicht gegen einen anderen tauschen.

Möchte seinen Job nicht eintauschen: Uwe Hahn ist Geschäftsführer im Tegut Marbachshöhe.

Herr Hahn, wie waren für Sie die vergangenen Wochen?

Sehr hektisch. Das habe ich in diesem Beruf, in dem ich seit 39 Jahren arbeite, noch nicht erlebt. Anfang März kamen sehr viele Kunden, es gab auch nicht wenige Hamsterkäufe. Danach hat man gehofft, dass Ruhe einkehrt. Aber die Ruhe hat nicht lange gehalten. Ich habe als Supermarktmitarbeiter die Katastrophe von Tschernobyl miterlebt, das alles ist aber nicht mit den Ausmaßen jetzt zu vergleichen. Wir sind jetzt in der fünften Woche mit diesem enormen Ansturm.

Würden Sie sagen, Sie sind ein Held in Krisenzeiten?

Wir bekommen sehr viel Lob von Kunden. Wir bekommen Geschenke in Form von Süßigkeiten. Aber Helden sind wir deshalb nicht. Jetzt wird der Beruf, der vor allem aufgrund der Öffnungszeiten wenig attraktiv ist, erst mal wertgeschätzt. Das freut mich.

Hat sich das Verhalten der Kunden in diesen Tagen verändert?

Das Kundenverhalten hat sich stark verändert. Wenn wir morgens um 7 Uhr öffnen, steht schon eine Schlange vor dem Laden, und die Kunden warten darauf, dass die Tür aufgeht. Das hab ich sonst noch nicht so erlebt.

Was bedeutet das für Sie?

Das ist allerdings auch für uns nicht ganz einfach. Die Lieferung kommt erst morgens. Normalerweise werden so früh, wenn relativ wenig los ist, noch Waren in die Regale geräumt. Das muss jetzt größtenteils schon erledigt sein. Wir fangen deshalb jetzt um 6 Uhr an zu arbeiten. Teilweise auch früher, damit alles fertig ist, wenn die ersten Kunden den Markt betreten.

Man hört vielfach, dass beim Einkaufen die Solidarität aufhört ...

Aus meiner Sicht sind die Kunden sehr rücksichtsvoll. Bislang hat sich noch niemand um die letzte Packung Toilettenpapier gestritten. Sie halten die Abstände ein, weichen aus und nehmen auch Wartezeiten in Kauf.

Unterhält man sich untereinander über diese für alle sehr ungewöhnliche Situation?

Man merkt schon, dass die Kommunikation weniger geworden ist. Aktuell bleibt es aufgrund der Maske oftmals meist bei den Blicken. Ich begrüße die Kunden weiterhin, und wenn dann ein Nicken zurückkommt, dann weiß ich, dass es angekommen ist.

Wie fühlt man sich als Mitarbeiter in diesen Tagen?

Ich habe noch nicht mitbekommen, dass sich jemand unsicher fühlt. Es hat bislang niemand gesagt, dass er nicht arbeiten kommen möchte. Für uns ist eher das Problem, dass die Mitarbeiter zu den frühen Zeiten Probleme haben, zur Arbeit zu kommen, weil jetzt noch keine Busse und Bahnen fahren. Beim Heimweg abends ist das dann oft ähnlich.

Wächst ein Team auch in so einer Krise?

Ja, auf jeden Fall. Mein Team hält super zusammen. Alle sind mit eingespannt und flexibel, wenn es kurzfristige Änderungen bei der Personalplanung gibt. Im Moment ziehen alle voll mit. Für mich selbst ist es ungewöhnlich, dass es tägliche Telefonkonferenzen gibt, in denen die aktuellen Sicherheitsanordnungen und ähnliche Dinge unter den Führungskräften besprochen werden.

Haben Sie noch einen Tipp, wann sollte man aktuell seine Einkäufe erledigen?

Zur Mittagszeit ist es sehr entspannt. Am frühen Morgen würde ich im Moment nicht einkaufen gehen.

Zum Abschluss noch die Frage nach dem so viel diskutierten und stark nachgefragten Toilettenpapier?

Toilettenpapier ist ein großes Thema – aber nicht nur. Im Moment sind die drei großen Problemartikel Toilettenpapier, Mehl und Hefe. Wir kriegen eigentlich jeden Tag Toilettenpapier. Aber natürlich nicht die Mengen, die wir gern hätten. Im Moment ist es so, dass natürlich alle Filialen etwas abbekommen müssen und deshalb verständlicherweise eben nicht jeder unbegrenzt ordern kann.

Zur Person

Uwe Hahn (54) ist seit 2002 Geschäftsführer des Tegut-Marktes auf der Marbachshöhe in Kassel. Er leitet dort ein Team mit 40 Mitarbeitern und arbeitet auch selbst im Markt mit. Für Hahn ist die Arbeit im Supermarkt ein Traumjob, den er auch nach fast 40 Jahren nicht gegen einen anderen tauschen möchte. Uwe Hahn lebt in Immenhausen.

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