Interview mit Kuno Hottenrott

Sportwissenschaftler aus Kassel: „Skihänge komplett zu schließen, ist unverhältnismäßig“

Die Schneefälle zum Jahresende zogen viele Gäste auf wegen Corona eigentlich geschlossene Pisten in Willingen.
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Die Schneefälle zum Jahresende zogen viele Gäste auf wegen Corona eigentlich geschlossene Pisten.

Am vergangenen Wochenende sorgte ein Ansturm auf die Skigebiete für chaotische Verhältnisse. Im Interview erklärt ein Experte, warum man diese nicht generell sperren sollte.

Überall wo Wintersport möglich ist, gibt es derzeit Probleme durch den großen Andrang. Am vergangenen Wochenenden gab es einen regelrechten Ansturm auf die Skigebiete in Hessen und Niedersachsen - mit teils chaotischen Verhältnissen und Polizeieinsätzen.

Trotzdem ist es doch verständlich, dass die Menschen sich nicht nur in den eigenen vier Wänden aufhalten wollen. Wir haben darüber mit dem Kasseler Sportwissenschaftler Prof. Kuno Hottenrott gesprochen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation? Sollten wir lieber daheim bleiben oder vor die Tür gehen?
Es wäre fatal, wenn wir den Menschen die Chance nehmen würden, sich an der frischen Luft zu bewegen. Die Stärkung des Immunsystems durch regelmäßige körperliche Aktivität und gesunde Ernährung sind jetzt wichtiger denn je. Leider weist hierauf die Politik zu wenig hin. Den AHAL-Regeln (Abstand halten, Hände waschen, Atemschutz, Lüften) müsste ein „B“ für Bewegung und ein „E“ für gesunde Ernährung hinzugefügt werden.
Warum ist das so wichtig?
Wir wissen heute, dass nicht nur der Gesundheitszustand, sondern auch die Funktionalität des Immunsystems direkten Einfluss auf die Schwere des Verlaufs einer Covid-19-Infektion haben. Stress, Fehlernährung und Bewegungsmangel schwächen die Immunleistung. Jeder kann seine körpereigene Abwehr stärken. Dafür müssen auch genügend ortsnahe Bewegungsräume in der Natur vorhanden sein.
Wie sieht es mit Ausflugszielen wie dem Herkules bei uns oder auch den Wintersportorten in der Nähe aus?
Die beliebten Ausflugsziele werden jetzt bevorzugt aufgesucht, sodass es hier zu hohen Verkehrsproblemen gekommen ist. Dies darf aber kein Grund von kompletten Sperrungen sein, wie es jetzt am Wochenende für die Wintersportorte Willingen und Winterberg angeordnet wurde. Parkplätze und Skihänge komplett zu schließen, sodass kein Schlittenausflug für die Familie mehr möglich ist, ist für mich unverhältnismäßig. Mit einem durchdachten Verkehrsleitsystem wäre eine geordnete Nutzung sicher ohne Verkehrschaos möglich. Dass die Skilifte geschlossen sind, kann ich nachvollziehen, aber beim Rodeln, Winterwandern oder Skilanglauf kann der nötige Abstand auf jeden Fall eingehalten werden.
Gibt es Tipps für regelmäßige Bewegung?
Da Fitnessstudios, Sportstätten und Schwimmbäder auch schließen mussten, bleibt für viele Menschen zu dieser Jahreszeit meist nur Walken, Wandern und Joggen an der frischen Luft übrig. Wissenschaftlich ist belegt, dass moderate Bewegung das Immunsystem stärkt. Meine Empfehlung: Gehen Sie täglich mindestens eine Stunde raus. Dies ist besonders auch für ältere Menschen sehr wichtig. Gerade im Alter sind längere Phasen der Inaktivität problematisch.
Welche Rolle spielt die Ernährung?
Fehlernährung, Vitamin- und Mineralstoffmanngel schwächen die Leistung des Immunsystems und können Einfluss auf den Verlauf einer Viruserkrankung nehmen. Immunsteigernde Wirkung hat eine pflanzenbasierte Mischkost mit viel Obst, Salaten und Gemüse. Dabei haben ein hoher Gehalt an Vitamin D, A und C, eine gute Versorgung mit Magnesium und Zink, der erhöhte Anteil an mehrfach ungesättigte Fettsäuren sowie Polyphenole eine besondere Bedeutung. Auch Beerenextrakte, Echinacea, Granatapfel, Guava-Tee unterstützen das Immunsystem.
Was kann man sonst noch tun?
Aktuelle Studien konnten zeigen, dass auch Intervallfasten die Abwehrkräfte stärkt und das Risiko von akuten Atemwegsinfektionen reduziert. Am Fastentag sollte nur eine Mahlzeit mit Grüntee, Nüssen, Sesam- oder Nussmuss, Kokos-, Lein- oder Olivenöl mit einer Energiemenge von maximal 500 Kalorien erfolgen. Die Öle sind reich an antioxidativen und entzündungshemmenden bioaktiven Pflanzenwirkstoffen. Bewährt haben sich zwei Fastentage in der Woche an denen durch eine zusätzliche Stunde Sport Synergieeffekte erzielt werden können. (Thomas Siemon)
Kuno Hottenrott, Sportwissenschaftler aus Kassel

Zur Person: Kuno Hottenrott

Kuno Hottenrott (61) ist Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und leitet die Abteilung Trainingswissenschaft und Sportmedizin. Er lebt in Kassel, ist verheiratet und hat zwei Kinder. An der staatlich anerkannten Deutschen Berufsakademie Sport und Gesundheit in Baunatal hat er jüngst den dualen Bachelorstudiengang „Ernährungscoaching in Sport und Therapie“ entwickelt. tos

Trotz der chaotischen Verhältnisse am vergangenen Wochenende an den Zufahrten zum Herkules und dem Hohen Gras in Kassel, will die Stadt nicht generell die Naherholungsgebiete sperren. Allerdings soll ein erneutes Verkehrschaos verhindert werden: Sollten die Parkplätze belegt sein, werden die Zufahrten gesperrt.

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