Fahrradhof wurde von langjährigen Mitarbeitern übernommen

Fahrradhof in Kassel: Der Bioladen für Radler

Die alten und neuen Geschäftsführer des Fahrradhofs Kassel: Johannes Brüning (von links), Georg Pestel, Thorsten Schulze, Heino Geveke und Alexander Luzniak.
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Die alten und neuen Geschäftsführer: Johannes Brüning (von links), Georg Pestel, Thorsten Schulze, Heino Geveke und Alexander Luzniak.

Der Kasseler Fahrradhof entstand vor fast 40 Jahren als alternatives Projekt. Nun haben die alten Geschäftsführer den Laden übergeben. Und die Branche boomt wie noch nie.

Kassel – Vor 40 Jahren saß Alexander Luzniak mit zehn Freunden in der Kasseler Szene-Kneipe Dizzy und überlegte, ob sie gemeinsam ein vegetarisches Restaurant aufmachen sollten. Alle stammten aus der linksalternativen Szene. Manche träumten auch vom Leben in einer Kommune. Doch statt der Gaststätte eröffneten die Freunde ein Jahr später in einem Hinterhof in der Breitscheidstraße den Fahrradhof. „Wir waren ja alle Männer“, sagt Luzniak.

Ein Radgeschäft in Kassel war 1981 fast so ungewöhnlich wie ein Restaurant für Vegetarier. Doch längst ist aus der Idee, die bei Bier in der Kneipe geboren wurde, eine Erfolgsgeschichte geworden. Nun hat Mitgründer Luzniak (65) die Leitung mit den beiden anderen Geschäftsführern Heino Geveke (67) und Georg Pestel (63) an die nächste Generation übergeben. Der 21-Mitarbeiter-Betrieb wird jetzt von Johannes Brüning (30) und Thorsten Schulze (54) geführt.

Beide gehören ebenfalls schon seit Jahren zum Fahrradhof. Dies war den bisherigen Chefs wichtig. „Wir wollten nicht, dass eine Kette den Laden übernimmt, sondern dass er der Fahrradhof bleibt“, sagt Geveke.

Radgeschäfte zählen zu den Gewinnern der Corona-Krise. In der Pandemie fahren viele lieber mit dem Rad als mit überfüllten Bussen und Bahnen. Gegenüber dem Vorjahr verzeichnet die Branche ein Umsatzplus von bis zu 30 Prozent – trotz Lockdown im Frühjahr. Laut Pestel hat dieser Trend jedoch schon vor Corona eingesetzt: „Vor allem wegen des Klimawandels steigen die Leute aufs Rad.“

Für die Fahrradhof-Gründer spielte der Umweltschutz bereits vor vier Jahrzehnten eine Rolle. Ihr Geschäft stammt aus der Ladenbewegung. Auch der Filmladen und die Bäckerei Brotgarten wurden damals gegründet. „Wir hatten alle keine Kohle, wollten es aber mit Manpower gegen die Konkurrenz schaffen“, sagt Geveke.

Abgesehen von Rennrädern gab es damals kaum hochwertige Fahrräder in Kassel. Diese Lücke schloss der Fahrradhof, der außerdem auf Service und Wartung setzte. Zwischenzeitlich gab es sogar jeden Mittwoch einen Selbsthilfetag: Der Fahrradhof stellte Werkzeug zur Verfügung, mit dem die Kunden ihre damals technisch noch nicht so komplizierten Räder selbst reparieren konnten. Weil es in Kassel auch lange keine Radklamotten gab, mieteten die Besitzer einen zusätzlichen Laden für Textilien und Helme an.

Am längsten residierte der Fahrradhof in der ehemaligen Garage der Feuerwehr in Niederzwehren. Parallel gab es eine Filiale im ICE-Bahnhof. 2016 folgte der Umzug in die ehemalige Alnatura-Filiale in der Wilhelmshöher Allee. Auch deshalb gibt es Leute, die sagen, der Fahrradhof sei der Bioladen unter den Kasseler Radgeschäften.

Schwerpunkt des 450 Quadratmeter großen Ladens in Wilhelmshöhe ist nach wie vor das Alltags- und Reiserad. Auch bei den immer beliebter werdenden Lastenrädern gibt es eine große Auswahl. „Der Fahrradmarkt bietet heute für jeden etwas“, sagt Brüning.

Mehr als die Hälfte der verkauften Räder im Fahrradhof sind mittlerweile E-Bikes. Und die Kunden kommen nicht mehr nur in der warmen Jahreszeit. Selbst Mitte November ist der Andrang so groß, dass es erst in sechs Wochen einen Werkstatttermin gibt. Früher dagegen, erinnert sich Geveke, „konnten wir den Laden bei Schnee zulassen“.

Von Matthias Lohr

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