Gründer der Villenkolonie war Bauherr 

Dieses Haus erzählt Geschichten: Eines der ersten Gebäude am Mulang wird saniert 

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Fachwerk und Klinkersteine wurden erneuert: Der Garten wurde einst von einem Schlossgärtner angelegt. Aus dieser Zeit dürfte die alte Vase stammen.

Nach Abschluss der laufenden Sanierung wird das im Landhausstil erbaute Haus an der Wigandstraße 4 den deutlich größeren Neubauten die Schau stehlen.

Bad Wilhelmshöhe – Es steht etwas im Schatten der neuen Wohnanlage, die auf dem Areal des ehemaligen Burgfeldkrankenhauses errichtet wurde: Nach Abschluss der laufenden Sanierung wird das im Landhausstil erbaute Haus an der Wigandstraße 4 den deutlich größeren Neubauten die Schau stehlen.

Noch dazu hat das fast 140 Jahre alte Gebäude eine spannende Geschichte zu erzählen. Immerhin bildet das Kulturdenkmal den Ursprung der Villenkolonie Mulang.

Erbauer ist der Kasseler Architekt und Gründer der Villenkolonie Heinrich Schmidtmann. Es entstand Mitte der 1880er-Jahre als eines der ersten Wohngebäude des Mulang und wurde von Schmidtmann einige Jahre als Sommerhaus genutzt. Eine alte Zeitung, die nun bei der Sanierung des Gebäudes auftauchte, datiert auf das Jahr 1884. Sie war als Dämmmaterial genutzt worden.

Ab Mitte der 1920er-Jahre wohnte der Fabrikant der Wintershall AG, Dr. August Siebers, mit seiner Familie in dem Haus an der Wigandstraße, das besonders durch sein Schmuckfachwerk ins Auge fällt. Erhalten ist ein Fotoalbum, das das damalige Leben der wohlhabenden Familie dokumentiert: Gartenidylle und Ausflüge mit dem Personenkraftwagen Simson Supra – das bekannteste Automodell der Firma Simson. Siebers war Ingenieur und technikbegeistert. Er war Mitglied im Kasseler Foto- und Filmamateurklub, was wohl auch erklärt, dass so viele Bilder aus dieser Zeit erhalten sind.

1938 zog Familie Adolphs als Mieter in das Haus. Dr. Dieter Adolphs, damals ein kleiner Junge, verbrachte seine Kindheit und Jugend in dem Haus, das zu dieser Zeit zwei Schwestern des Diakonissen-Krankenhauses gehörte. „In Gedanken lebe ich bis heute dort. Ich habe jeden Raum vor Augen. Damals gab es noch ein Herrenzimmer“, erzählt Adolphs, der mittlerweile in Baden-Württemberg lebt. Sein Vater war damals Vertreter für Henkel und verkaufte Waschmittel.

Von der Bombennacht am 22. Oktober 1943 sind Adolphs intensive Bilder präsent. Eine Brandbombe war auf einem der Balkone des Hauses gelandet, wie durch ein Wunder richtete sie aber keinen großen Schaden an. Dafür stand das gegenüberliegende Pensionshaus in Flammen. „Ich sah die brennenden Balkone in die Tiefe stürzen. Das vergesse ich nie.“

Als Adolphs Familie 1966 auszog, kam der Lehrer und Mundartkabarettist Karl Garff mit seiner Frau Sibylle bei den Schwestern unter. „Es war herrlich“, schwärmt Sibylle Garff. Der Garten sei von einem Schlossgärtner angelegt worden. Leider sei das Haus damals in einem schlechten Zustand gewesen. Dies gilt heute nicht mehr: Die aktuelle Eigentümerin Carola Osterberg, deren Familie das Haus Ende der 60er-Jahre kaufte, lässt es von Grund auf sanieren: Morsche Fachwerkbalken wurden ausgetauscht und die Klinkersteine in den Gefachen wurden erneuert. Auch das Fundament wurde erneuert.

Im nächsten Schritt werden Fenster und Türen durch denkmalgerechte Nachbauten ersetzt. „Die Arbeiten werden noch zwei Jahre dauern“, sagt Osterberg. Bei ihrem Projekt wird sie vom Denkmalamt unterstützt. „Anschließend wird das Haus hoffentlich noch mal 100 Jahre halten“, sagt Osterberg, die dort selbst einziehen will.

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