Das sagen Kasseler Museumsleute

Kunst-Attentat in Berlin weckt Erinnerung an Säureangriff auf Rembrandt-Bilder in Kassel

Ausschnitt aus Rembrands Gemälde „Jakob segnet Ephraim und Manasse“ (1656), nachdem es am 7. Oktober 1977 in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe Kassel von einem Attentäter mit Schwefelsäure beschädigt worden war
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Wurde in Kassel 1977 von einem Säure-Attentäter beschädigt: Rembrands Gemälde „Jakob segnet Ephraim und Manasse“ (1656)

Der Vorfall auf der Berliner Museumsinsel weckt Erinnerungen an eine spektakuläre Kunstschändung 1977 im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe

Kassel – Der Anschlag auf mindestens 70 Kunstwerke in verschiedenen Häusern der Berliner Museumsinsel stellt die Ermittler bislang vor ein Rätsel. Wie erst jetzt öffentlich wurde, hatten Unbekannte bereits am Einheitsfeiertag, dem 3. Oktober, zahlreiche Gemälde und antike Skulpturen mit einer öligen Flüssigkeit bespritzt. Bei Museumsleuten in Kassel löste der Berliner Vorfall Betroffenheit aus – zumal auch die Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe schon einmal Angriffsziel einer spektakulären Kunstschändung war.

„Wir sind bestürzt über die Rücksichtslosigkeit dieser Menschen, die mutwillig auch ihr eigenes historisches Erbe zerstören und beschädigen“, sagte sprecherin Lena Pralle von der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK).

Einen absoluten Schutz vor mutwilliger Beschädigung von Museumsobjekten könne es nicht geben, machte Pralle deutlich. „Aber wir haben verschiedene Sicherheitssysteme und aufmerksame Aufsichtskäfte.“

Die zum Teil äußerst wertvollen Exponate in den landeseigenen Museen in Kassel seien durch Alarmsysteme geschützt, die zum Beispiel bei zu dichter Annäherung Alarm auslösen. Zum Teil gebe es auch eine Videoüberwachung in den Räumen. Viele empflindliche Objekte seien zudem in Vitrinen gesichert und mit einer Spezialverglasung geschützt.

In den Museen der Stadt Kassel sei das Risiko, von Kunst-Attentätern heimgesucht zu werden, nicht allzu groß, sagte Museumsleiter Dr. Kai Füldner: „Wir haben ja nicht die Mona Lisa oder Ähnliches, das für solche Leute eine Herausforderung wäre, es kaputt zu machen.“ Wer mit solchen Beschädigungen Aufmerksamkeit erreichen wolle, der werde sich als Ziel stets populäre, teure Kunstwerke oder namhafte Museen aussuchen.

Da seien Häuser wie das städische Naturkundemuseum nicht im Fokus. „Falls da mal etwas beschädigt wird, dann ist das in der Regel nicht unersetzlich“, sagte Füldner. Im Stadtmuseum sehe es schon anders aus, da gebe es etliche Exponate von besonderem Wert – wenn auch weniger materiell, so doch historisch oder ideell. „Je nach Objekt haben wir im Stadtmuseum unterschiedliche Sicherungssysteme. Es wäre schon ein großer Aufwand, wenn man da rankommen wollte.“

Spektakulärer Säureanschlag auf Rembrand-Gemälde 1977 in Kassel

Die Vorfälle auf der Museumsinsel in Berlin wecken in Kassel Erinnerungen an ein spektakuläres Kunstschändungs-Attentat, dem 1977 im Schloss Wilhelmshöhe vier Gemälde von Rembrandt und zwei seiner Schüler zum Opfer fielen. Der psychisch gestörte Frührentner Hans-Joachim Bohlmann hatte die kostbaren Werke während der Öffnungszeit der Gemäldegalerie mit Schwefelsäure bespritzt. Zuvor hatte der damals noch nicht enttarnte Täter bereits Kunstwerke im gesamten Bundesgebiet schwer beschädigt.

Wie Bohlmann nach seiner Verhaftung der Polizei sagte, sollte der Kasseler Anschlag „das größte Werk“ seiner zerstörerischen Aktivitäten werden. Sein Säureattentat traf unter anderem Rembrands berühmten Jakobssegen aus dem Jahr 1656, den wertvollsten Kunstschatz Hessens, der auf 100 Millionen Euro geschätzt wird.

Aus Büchern wusste Bohlmann von den Rembrandts im Schloss Wilhelmshöhe. Er war schon einen Tag vorher nach Kassel gereist und hatte sich im Hotel Schweizer Hof einquartiert. Am Vormittag des 7. Oktober 1977 mischte er sich dann zunächst unter die Besucher in der Gemäldegalerie Alte Meister.

In einem seiner Strümpfe hatte er eine kleine braune Glasflasche mit der Schwefelsäure versteckt. Als er einen Moment unbeobachtet war, zückte er die Flasche und zielte mit der Säure auf die Gesichter der Porträtierten. Anschließend ging der Attentäter direkt zur Straßenbahn, fuhr zum Bahnhof und stieg in den Zug nach seiner Heimatstadt Hamburg.

Dort wurde Bohlmann ein halbes Jahr später gefasst – was Zufällen und der Aufmerksamkeit eines Kasseler Hotelangestellten zu verdanken war. Dieser hatte indirekt die Täterbeschreibung mitbekommen, die eine Museumsmitarbeiterin gegeben hatte. Er schaute daraufhin die Buchungsunterlagen durch – der Attentäter hatte beim Einchecken seine tatsächliche Adresse angegeben.

Dem damals 40-jährigen Täter wurde eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert Er saß zunächst fünf Jahre in Haft, dann in der Psychiatrie, wurde mehrfach als Kunstschänder rückfällig. 2009 starb Bohlmann. Auf sein Konto gehen 56 beschädigte Kunstwerke – Gesamtschaden: 130 Millionen Euro.

Die vier Kasseler Gemälde wurden sehr aufwändig restauriert. Die Kosten dafür beliefen sich auf über zwei Millionen Euro. Erst 2008 wurden die Restaurierungen vollständig abgeschlossen. Die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) sprach vom größten Schaden für die Kasseler Gemäldegalerie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Rembrandts „Jakobssegen“ war bereits ein Jahr nach dem Säureattentat wieder für das Publikum im Schloss Wilhelmshöhe zu sehen. Seither schützt eine Verkleidung aus Sicherheitsglas das kostbare Werk vor ähnlichen Angriffen von Kunst-Vandalen. (von Axel Schwarz)

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