Szenen eines langen Abends am Bahnhof-Wilhelmshöhe

Endstation Kassel: Wenn der ICE zum Hotelzimmer wird

In Klasse eins sitzen Sven Manske aus Hamburg und Michael Dörbaum aus Hannover. Beide haben sich gerade kennengelernt - und nehmen diese Nacht mit Humor.

Kassel. Es ist kurz vor acht am Abend, als die Brezelverkäuferin die letzten Krümel in der Auslage zusammenstreicht. Der Feierabend ist nicht mehr fern, gleich wird sie die Jalousie des kleinen Verkaufsstandes nach unten lassen. Ein ganz normaler Abend am Bahnhof Wilhelmshöhe? Nein, nein und nochmals nein. Alles andere als das.

Vor dem Brezelverkauf stehen Menschenmassen, lange Schlangen haben sich hinter der Infostelle der Deutschen Bahn gebildet. Es ist ein Bild der Gestrandeten. Nichts geht mehr in Richtung Norden. Sturmtief Xavier stoppt die Reisenden. Endstation Kassel – wenn der Bahnhof zu einer Halle der Wartenden, Verzweifelten und Improvisationskünstler wird. Die Reportage von einem Abend, der für so viele anders kam als erwartet. 

An der Rampe zu Gleis 1

Auf dem Weg nach Lübeck gestoppt: Sigrid Fischer.

Am Rand steht Sigrid Fischer. Sie wollte mit dem Zug von Frankfurt nach Lübeck fahren, aber weiter als nach Kassel ist sie nicht gekommen. Dabei hatte sie sich bei der Abfahrt noch so gefreut, dass der Zug pünktlich ist. Bis Kassel ist sie guten Mutes geblieben. Aber dann ist es zu einer kleinen Schockstarre gekommen, wie sie sagt. Plötzlich habe es geheißen, dass alle aussteigen müssten. „Wir haben da erst erfahren, dass der Zug hier endet. Es gab keine weiteren Durchsagen, keine Tipps, was wir tun sollten.“

Sigrid Fischer hat dann ihren Cousin in Göttingen angerufen und ihn gefragt, ob er sie abholen könne. Nun freut sie sich auf ein Wiedersehen – die Bahn macht’s möglich. Zahnbürste und ein Deo hat sich Fischer in der Drogerie im Bahnhof gekauft; die Schockstarre ist längst überwunden. Und doch glaubt Fischer, dass die Welt nicht ganz gerecht ist, wenn sie erzählt, warum sie in Frankfurt war: Es ging um die Ausrichtung eines Engagementpreises im Ehrenamt. Das Schicksal ist manchmal ein Schelm.

Auf dem Weg nach Hannover gestoppt: Ali Özaslan.

Es ist erstaunlich, wie gesittet es ist – trotz der vielen Genervten in der Schlange: Da steht mit ihrem Baby im Arm eine junge Frau, die nach Braunschweig muss und nicht weiß, was sie jetzt machen soll; da wartet die Reisegruppe aus der Schweiz, die auf ihren Reiseleiter wartet, der versucht, irgendwie Ordnung ins Chaos zu bringen. Da sind die jungen Menschen aus Berlin, die alle bei einem Personaldienstleister tätig sind, in Mannheim bei einer Fortbildung waren und nun nicht wissen, wie sie morgen um 8.30 Uhr an der Arbeit sein sollen. Immerhin: Der Chef ist informiert.

Und da ist Ali Özaslan aus Hannover, der jetzt überlegt, wie er heute noch nach Hause kommen könnte. Eine Frau fragt ihn, ob sie nicht zusammen ein Taxi nehmen wollten. Das Problem nur: Draußen am Taxistand steht kein Taxi mehr. Ali Özaslan nimmt das alles gelassen: „Es gibt Schlimmeres“, sagt er. „Ich bin entspannt.“ Er ist 23. 

Im Aufenthaltszug

Die Bahn hat zwei Züge bereitgestellt, in denen sich die Gestrandeten aufhalten, in denen sie sich aufwärmen können. Auf dem Weg dorthin sagt ein Polizeibeamter: „Es ist erstaunlich, wie ruhig und diszipliniert hier alles abläuft.“ Und das, obwohl der Kaffeeverkäufer am Rand keinen Kaffee mehr hat. „Noch irgendjemand nach Bremen“, ruft einer, der offensichtlich noch Mitstreiter sucht. Der Bahnhof ist an diesem Abend auch eine große Mitfahrbörse.

Der Aufenthaltszug auf Gleis vier ist ein ICE und heißt „Aschaffenburg“. Es gibt also Reisende, die eine Nacht in Kassel und in Aschaffenburg verbringen. Wer kann das schon von sich behaupten? In Klasse eins sitzen Sven Manske aus Hamburg und Michael Dörbaum aus Hannover. Beide haben sich gerade kennengelernt. Das sind so Situationen, in denen Freundschaften fürs Leben entstehen.

Auch sie machen nicht den Eindruck, als würden sie die Welt und schon gar nicht die Bahn verfluchen. Sie nehmen es mit Humor: „Ich habe noch zu meiner Frau gesagt, dass ich lieber drei statt zwei Müsliriegel mitnehme. Wer weiß, wie sich das mit dem Wetter entwickelt“, sagt Dörbaum, der Elektroingenieur, der auf dem Rückweg von Linz schließlich von Sturmtief Xavier gestoppt wurde.

Immerhin: Jetzt hat er einen Müsliriegel mehr, sitzt statt in der zweiten Klasse in der ersten – und hat mit Manske einen netten Gesprächspartner. Manske wird den Platz so schnell nicht räumen. Er läuft derzeit auf Krücken, und ausgerechnet jetzt passiert so etwas. Von draußen ertönt eine Durchsage: Der Zug nach Berlin Ostbahnhof fällt aus. Ach. 

Vor dem Bahnhof

Dort, wo normalerweise Dutzende Taxis stehen, tummeln sich Menschen, aber keine Fahrzeuge. Wenn ein Taxi ankommt, ist es gleich auch schon wieder weg. Die Fahrer machen das Geschäft ihres Lebens. Zwischendurch hält ein Großraumtaxi aus Hannover, ein paar Passagiere steigen aus. Mit den anderen Insassen geht es gleich weiter nach München. Die Fahrt kostet insgesamt 1400 Euro.

Ein Blick in das angrenzende Intercity-Hotel. Empfangsleiter Nico Müller muss denen, die hier im Minutentakt erscheinen, mitteilen: „Wir sind ausgebucht.“ Und überhaupt: Heute hätten auch 1000 Betten nicht ausgereicht. Auch das Pentahotel auf der anderen Seite des Bahnhofs ist natürlich voll. Nichts geht mehr. Ein Mann sagt später, es gäbe Hotels, die an einem solchen Abend das Doppelte verlangten als üblich. Die Nachfrage bestimmt den Preis. Und die Nachfrage ist an diesem Abend enorm hoch. Eine Frau steht vor dem Bahnhof und telefoniert. Ihre Frage ist zu hören: „Haben Sie noch zwei Einzelzimmer frei?“

Am Wunschort angekommen: Diyar Deniz. Fotos: Ludwig

Es gibt auch durchaus Zufriedene an diesem Abend. Diyar Deniz zum Beispiel. Er kommt aus Köln und hat es trotz Xavier dorthin geschafft, wo er hinwollte: nach Kassel. Er blickt auf die Menschen in der Schlange hinter dem Informationsschalter und sagt: „Sie tun mir leid.“

Der Brezelverkauf hat längst geschlossen – im Übrigen nicht aus Bosheit. Er hatte einfach keine Ware mehr. Dabei hätte er jetzt womöglich so viel Brezeln verkauft wie nie zuvor.

Auch am Morgen nach dem Sturmtief gibt es noch massive Beeinträchtigungen am Bahnhof Wilhelmshöhe. 

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