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Fitnessstudio im Welterbe: Warum man den Aufenthalt in Kassel-Wilhelmshöhe genießen sollte

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Von: Kathrin Meyer

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Oft kritisiert: Die langen Rampen im Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe. Jetzt hat der Autor Dietmar Bittrich ein Buch über den Alltag in Zügen verfasst. Als einziger Bahnhof bekommt dort Kassel-Wilhelmshöhe ein eigenes Kapitel.
Oft kritisiert: Die langen Rampen im Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe. Jetzt hat der Autor Dietmar Bittrich ein Buch über den Alltag in Zügen verfasst. Als einziger Bahnhof bekommt dort Kassel-Wilhelmshöhe ein eigenes Kapitel. © Andreas Fischer

Dietmar Bittrich hat ein Buch über das Bahnfahren geschrieben. Kassel-Wilhelmshöhe bekommt darin ein eigenes Kapitel. Nicht ganz ernstgemeint findet er den ICE-Bahnhof in Kassel zum Genießen.

Kassel – „Ich fühle mich heute so Kassel-Wilhelmhöhe“ ist für Dietmar Bittrich eine anschauliche Beschreibung einer depressiven Verstimmung. „Aber was andere sagen, du wirst diesen Bahnhof genießen“, schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch „Wer später kommt, hat länger Zeit“. In dem Büchlein geht es mit arg satirischem Blick um die alltäglichen Geschichten der Deutschen Bahn und eben in einem Kapitel auch um den ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe. Was ist denn da los?

„Die Bahn als ultimative Schule des Lebens“ – so nennt es der Autor. Bittrich widmet den bekannten Bahn-Problemen jeweils kurze Kapitel. So geht es unter anderem um Ausfälle, Verspätungen, geänderte Wagenreihenfolge, geschlossene Bordrestaurants und volle Waggons.

Wenn du in Wilhelmshöhe umsteigen darfst, meint es das Schicksal gut mit dir, leitet Bittrich das Kasseler Kapitel ein. Wilhelmshöhe ist einer der wenigen Orte, bei dem Bittrich in seinem Buch konkret wird. Was Bahnfahrer womöglich als nervige Pannen sehen, sind für ihn liebevolle Coaching-Angebote der Deutschen Bahn, die verborgene Gaben der Reisenden wecken sollen. So also auch in Wilhelmshöhe.

Das Kapitel ist überschrieben mit „Fitness im Welterbe“. Welcher Kasseler wird diesen Gedanken noch nicht gehabt haben, wenn er nach Urlaub oder Geschäftsreise, schwer bepackt, seinen Koffer die nicht enden wollenden Rampen hochzieht. „Wer häufiger in Wilhelmshöhe umsteigt, benötigt kein Fitnessstudio. Der Bahnhof ist das Studio.“ Ob das beim nächsten Ankommen ein Trost sein wird? Wohl kaum.

Die unübersichtliche Gestaltung des Bahnhofs ist aus der Sicht des Autors vor allem beim Umsteigen eine Herausforderung. Aber auch das lässt sich mit Augenzwinkern positiv auslegen. Bittrich beschreibt es als Forderung des Entdecker-Gens. Und die von ihm skizzierten „winzigen Warteräume“ sind ebenfalls kein Nachteil. Sie fördern demnach soziale Kontakte und menschliche Nähe. Und natürlich darf auch der von Kritikern immer erwähnte „Palast der Winde“ nicht fehlen. Bittrich erklärt: Der Erbauer des Bahnhofs Wilhelmshöhe habe damit lediglich der Erwärmung vorgebeugt. Er fragt den Leser, ob der jemals vorgehabt habe, nach Rajasthan zu reisen, um den dortigen zum Welterbe zählenden Palast der Winde zu bewundern. Denn während in Indien extra Fenster eingebaut werden mussten, um in den Innenräumen Luftzirkulation zu ermöglichen, seien die Ingenieure in Kassel ganz ohne und nur mit Beton ausgekommen.

Bittrich zieht einen weiteren Vergleich zu ebenfalls zum Welterbe zählenden Windtürmen im Iran. Dort braucht es keine energiefressenden Klimaanlagen, man nutze zur Kühlung den sogenannten Kamineffekt. Und Wilhelmshöhe sei dann eben einfach „ein großer Windturm, wenn auch in der Horizontalen.“ Von wegen kalt, hässlich, windig: Bittrichs nicht ganz ernst gemeintes Fazit zu Kassel-Wilhelmshöhe lautet: die Vereinigung mehrerer Welterbestätten in einem Bauwerk, dazu ein kostenloses Fitnessstudio. Dafür sollte man dankbar sein, findet er.

Am Ende stellt sich die Frage, ob Dietmar Bittrich schon mal den Bahnhof in Wilhelmshöhe verlassen hat. Ansonsten würde man ihm das nämlich dringend empfehlen. Dort gibt es auch eine Welterbestätte, die nur einen Fußmarsch entfernt ist. An die hat nämlich der Kasseler beim Lesen der Überschrift womöglich sofort gedacht. Die gezogenen Vergleiche mit Bauwerken in Indien und dem Iran sind durchaus lustig, aber doch etwas zu hoch gegriffen. (Kathrin Meyer)

Dietmar Bittrich: Wer später kommt, hat länger Zeit, 160 Seiten, dtv, 10,95 Euro.

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