Gespräche, um Krisen vorzubeugen

Wenn die Pandemie für Streit sorgt: Paartherapeut bietet Online-Sofa-Abende an

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Sofa und reden miteinander.
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Vorbeugen, bevor es zum Streit kommt: Paare können kostenlos an den Online-Sofa-Abenden des Paartherapeuten teilnehmen, um ins Gespräch zukommen.

Die Pandemie stellt Partnerschaften vor Herausforderungen. Was hilft, um Krisen in einer Beziehung vorzubeugen? In Kassel bietet ein Paartherapeut Online-Sofa-Abende an.

Bei Zahnschmerzen gehen wir zum Zahnarzt, läuft das Auto nicht, beauftragen wir die Werkstatt. Auch vorbeugend gehen wir zur Zahnkontrolle oder bringen unser Auto zur Inspektion. Sind wir in der Beziehung unglücklich, halten wir aus, bis wir einen Fachmann aufsuchen. „Vorbeugend etwas für die Beziehung zu tun, scheint ungewöhnlich, ist aber möglich“, sagt Claus Trauernicht, Paartherapeut aus Kassel. Im Interview spricht er über seine kostenlosen „Online-Sofa-Abende“ für Paare und gibt Tipps, wie man eine gute Zeit zu zweit verbringt.

Herr Trauernicht, die Pandemie ist auch für viele Beziehungen eine schwierige Zeit, was macht das Ganze ein bisschen einfacher?
Einfacher machen würde es, wenn wir von unseren eigenen Problemen wegschauen und mehr hinhören könnten, was den anderen bewegt. Das ist in dieser Zeit sehr schwer, weil wir mit uns selbst als Person so sehr zu kämpfen haben.
Führt das auch oft zu Streit in der Beziehung?
Die Gründe liegen in der Anspannung und dem Stress, die diese Zeit mit sich bringen. Jetzt könnte man sagen, der Stress fällt doch ein Stück weit ab, weil ein großer Teil der Gesellschaft ruhiger und langsamer unterwegs ist. Das ist aber so nicht ganz richtig, weil der innere Stress, ausgelöst durch Ängste und Sorgen, bei einem großen Teil der Bevölkerung gestiegen ist. Es kommt zu Eskalationen, die aber auch zu Nicht-Corona-Zeiten entstehen können. Nur zeigen sie sich jetzt oft weitaus heftiger.
Was sind konkrete Gründe, dass Paare in Streit geraten?
Bei Familien, deren Kinder derzeit online zuhause unterrichtet werden, stellt sich oft die Frage nach dem Umgang mit dieser herausfordernden Zeit und den enormen Anspannungen, die daraus entstehen. Ein anderes Thema ist die Erwartung, sich jetzt mehr miteinander zu beschäftigen und sich mehr austauschen zu können. Wenn das nicht so eintritt, wie man es sich vorgestellt hat, führt das zu Enttäuschungen und damit auch zu Streit. Vielleicht auch, weil man es vorher einfach nicht gelernt hat oder schon lange nicht mehr konnte.
Trägt auch die bei vielen veränderte Arbeitssituation zum Beispiel im Homeoffice zu Konflikten bei?
Sicherlich, und eine nicht gute Kommunikation in der Vergangenheit, die zeigt sich jetzt besonders deutlich. Einer der größten Punkte ist: dass die Erwartungen, wie man aufeinander zugeht und wie man miteinander umgeht, nicht so erfolgen, wie man sich das vorstellt.
Es gibt also meist nicht das konkrete Thema, das den Streit auslöst?
Es ist meistens so, dass sich etwas schon lange angebahnt hat und nicht allein durch die Corona-Situation jetzt begründet ist. Aber Corona befeuert Konflikte zusätzlich.
Haben Sie Erste-Hilfe-Tipps, wie man mit solchen Situationen umgehen kann?
Man sollte sich Zeit nehmen und miteinander sprechen, ohne sich rechtfertigen zu müssen und zu wollen. Der andere sollte ausreden können, und man selbst sollte nicht unmittelbar, wenn man eine Kritik hört, in eine Rechtfertigungshaltung gehen. Am wichtigsten ist der Versuch, den anderen zu verstehen. Das ist die Grundlage für ein Gespräch.
Ein Thema, das sie bei den Sofaabenden ansprechen, ist die Zeit zu zweit. Wie verbringt man denn eine gute Zeit zu zweit?
Das hängt mit den Vorlieben des Paares zusammen. Es gibt Paare, die sagen, sie verbringen Zeit miteinander, indem sie gemeinsam etwas machen. Das kann ein Hobby oder eine Aktivität sein, aber auch der Haushalt. Andere Paare wiederum brauchen Abstand vom Alltag – kein Medienkonsum, kein Handy, keine Nachrichten. Für diese Paare ist Zeit zu zweit dann einfach nur auf dem Sofa sitzen und sich zuhören.
Ist das in einer Beziehung nicht ohnehin alltäglich und selbstverständlich?
Zu erzählen, was einen bewegt, das passiert im Alltag vieler Paare nicht automatisch. Man spricht darüber, wie der Alltag erfolgen soll, wo man hingeht und was man macht. Aber das, was einen tief bewegt, wofür man kämpft und lebt, wird nur Thema, wenn das Gegenüber Offenheit dafür zeigt. Und das ist auch das Ziel, das ich mit meinen kostenlosen Sofaabenden erreichen will. Herausfinden, wie man es hinbekommt, solche qualitativ hochwertigen Zeiten für einander zu haben, in denen man solche Dinge ansprechen kann.
Sie sprechen auch das Thema Sexualität an.
Genau. Es ist so, dass ich in dem Online-Stream grundlegendes zur Dynamik der Partner in der Beziehung erkläre. Indem ich das erkläre, bieten sich viele Ansatzpunkte für ein Gespräch über die sexuelle Begegnung in der Partnerschaft. Das löst bei Paaren ganz neue Unterhaltungen aus.
Was haben Sie von Betroffenen bislang für Rückmeldungen zu den „Online-Sofa-Abenden“ bekommen?
Viele sagen, dass sie weit über den Zeitraum, den ich ansetze, noch über die Fragen im Video gesprochen haben. Es gibt Paare, die sagen, das hilft uns, überhaupt über diese Themen ins Gespräch zu kommen. Es gibt aber auch Paare, die sagen, sie haben sich an dem Abend richtig gestritten, weil sie so unterschiedlicher Meinung waren. Auch das ist gut. Die unterschiedliche Meinung muss zum Vorschein kommen, damit man nicht zu einem späteren Zeitpunkt in einen Konflikt gerät, der so überraschend ist, dass man damit gar nicht umgehen kann. Die Sofa-Abende haben also auch etwas Provozierendes. (Kathrin Meyer)

Online-Sofa-Abende

Online-Sofa-Abende für Paare sind ein kostenfreies Angebot, mit dem Paare ermuntert werden sollen, jenseits des Alltags vertiefend ins Gespräch zu kommen. Die Teilnehmer sitzen dabei zu Hause auf dem Sofa und bekommen Impulse zu Themen wie „Sexualität“, „Richtig Streiten“ und „Umgang mit Stress“ und erhalten Fragen, die helfen konstruktiv ins Gespräch zu kommen. Nach 20 Minuten Zweiergespräch geht es weiter mit Übungen. Eine Stunde lang kommunizieren die Paare ausschließlich miteinander, nicht mit anderen Paaren. Der Livestream findet vierzehntägig immer dienstags ab 20.30 Uhr statt. Das nächste Mal am 23. Februar, Ziel ist es, sich als Paar über Themen zu unterhalten, die zu Konflikten führen.

Zur Person

Claus Trauernicht (47) ist Sozialpädagoge und Familien- und Paartherapeut. Seit 2017 arbeitet er freiberuflich als Paartherapeut und hat seine Praxis im Flüsseviertel in Bad Wilhelmshöhe. Trauernicht lebt ebenfalls im Stadtteil, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Idee zu den Sofaabenden kam ihm im ersten Lockdown, zuvor hatte er die Abende mit persönlichen Treffen angeboten. 

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