Bahnhof Wilhelmshöhe

Bahnstreik: Großes Chaos blieb in Kassel bislang aus

Zufrieden mit der Streikmoral: Die Mitglieder der Gewerkschaft GDL versammelten sich am Rande des Kasseler Bahnhofsvorplatzes.
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Zufrieden mit der Streikmoral: Die Mitglieder der Gewerkschaft GDL versammelten sich am Rande des Kasseler Bahnhofsvorplatzes.

Noch bis in die Nacht zu Freitag wird bei der Deutschen Bahn gestreikt. Nur jeder vierte planmäßige Fernzug verkehrt. Wir haben uns am Bahnhof Wilhelmshöhe umgeschaut.

Kassel – Nur wenige Reisende sind am Mittwoch (11.08.2021) um die Mittagszeit im Bahnhof Wilhelmshöhe unterwegs. Doch von ihnen haben viele säuerliche Mienen. So wie Dieter Schüler. Der 71-Jährige aus Kassel wollte eigentlich schon auf dem Weg nach Österreich sein. Doch statt den ICE direkt nach München zu nehmen, muss er nun über Würzburg fahren – zwei Stunden später als geplant. „Ich bin guten Mutes, dass ich heute Abend in Tirol ankomme“, sagt er. Trotzdem sei er verärgert, weil der Streik so kurzfristig angekündigt wurde. Als er am Vorabend davon erfuhr, sei er schon etwas nervös geworden, gibt der Rentner zu.

Enkelin Luna, die ihren Opa zusammen mit ihrer Mutter Tamara Schüler-Baumgart zum Bahnhof begleitet hat, sagt hingegen: „Wenn hier nicht langsam was Spannendes passiert, schlafe ich gleich ein.“ An Streiktagen fährt man eben mit reichlich Zeitpuffer los.

Verärgert über kurzfristigen Streik: Dieter Schüler startete am Mittwoch mit Verspätung seine Reise nach Tirol. Tochter Tamara Schüler-Baumgart und Enkelin Luna begleiteten ihn zum Bahnhof Wilhelmshöhe.

Bahnstreik am Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel: Stimmung ist ruhig

Insgesamt ist die Stimmung am Bahnhof Mittwoch (11.08.2021) aber ruhig. Keine Schlangen vor dem Infoschalter, kein Gedränge auf den Bahnsteigen. Offenbar haben sich viele Reisende noch auf den Bahnstreik eingestellt und umdisponiert. Eine Bahnsprecherin teilt auf Anfrage mit, dass man nicht damit rechne, dass Übernachtungszüge bereitgestellt werden müssen. „Wir hoffen, dass wir die Menschen, die aufs Reisen angewiesen sind, auch befördern können.“

Jutta Henz hat um kurz vor 14 Uhr im Bahnhof gerade die Stullen ausgepackt, die eigentlich im Zug verzehrt werden sollten. Die 74-Jährige aus Bad Hersfeld will ihre Enkelin Leni zurück nach Hamburg bringen – denn am heutigen Donnerstag wird die Sechsjährige dort eingeschult. Weil zwei Züge nach Kassel ausfielen, hat ihr guter Freund Hajo Hagemann sie spontan mit dem Auto zum IC-Bahnhof gebracht. Dort warten Oma und Enkelin nun auf die Abfahrt nach Hamburg. „Irgendwie werden wir schon ankommen“, sagt die Seniorin und lacht. Für ihre Enkelin gibt es als Streiktrostpflaster ein Eis.

Vor dem Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel: Bahnstreik von rund 25 Streikenden

Am meisten los ist an diesem Tag vor dem Bahnhof: Am Rande des Vorplatzes haben sich rund 25 Streikende versammelt. Seit 4.30 Uhr ist Lars Wachsmuth, stellvertretender Leiter der GDL-Ortsgruppe Kassel, vor Ort. Er ist zufrieden mit der Streikmoral. Rund 80 Beschäftigte hätten sich zum Auftakt beteiligt – und das, obwohl viele wegen des heruntergefahrenen Angebots nur Bereitschaftsdienst hätten. Sogar von Passanten habe man positive Rückmeldungen bekommen. „Es war nur einer da, der sich beschwert hat“, sagt Wachsmuth. Das habe ihn selbst überrascht.

Die GDL fordert im laufenden Tarifstreit unter anderem Lohnerhöhungen von 3,2 Prozent. „Wir reden ja nicht wirklich von einer Gehaltserhöhung“, sagt der Kasseler Ortsgruppen-Vize und Lokführer, „das ist ja eher ein Null-Ausgleich der Inflationsrate.“ Die Arbeitsbedingungen bei der Bahn hätten sich durch Personalmangel und die Ausweitung des Angebots verschlechtert. Dass zwei Streiktage Bewegung in den Tarifstreit bringen, glaubt Wachsmuth nicht. Er befürchtet, dass weitere Streiks nötig sind. „Spaß haben wir dabei auch nicht“, betont er.

Auch heute müssen Reisende noch mit Einschränkungen im Fernverkehr rechnen. Im Gebiet des Nordhessischen Verkehrsverbunds (NVV) sind unter anderem mehrere Regionalexpress- und Regionalbahn-Linien betroffen. (Katja Rudolph)

Die massiven Einschränkungen des Fern- und Regionalverkehrs in ganz Deutschland gehen weiter. Auch Niedersachsen ist durch den Lokführer-Streik von Zugausfällen und Verspätungen betroffen. Die Bahnstreiks führen dazu, dass viele Züge ausfallen. Wie Betroffene Geld für Ihre Fahrkarte zurückfordern können – und welche Alternativen sie nutzen können.

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