Besuch wird zum Spießrutenlauf

Kein Leitsystem: "Blinde meiden  Bahnhof Wilhelmshöhe wie die Pest“

Kein Leitsystem: Im IC-Bahnhof fehlt ein Rillenbelag im Boden zur Orientierung mit dem Blindenstock.

Kassel. Als „katastrophal“ bezeichnet Helmuth Ernst die Situation für blinde Menschen im und um den IC-Bahnhof Wilhelmshöhe.

Für nicht oder schlecht sehende Menschen wird  der Besuch zum gefährlichen Spießrutenlauf. Es gibt in diesem modernen Bahnhof am Boden keinerlei Orientierungshilfe, kein Leitsystem für Menschen mit Sehbehinderung. Auch ein Fahrstuhl, der direkt ans Gleis führt, fehlt. Der Weg führt über lange Rampen an die Züge und zurück.

Vor allem die großen, ovalen Säulen auf den Bahnsteigen stellten ein unberechenbares Hindernis dar, sagt Ernst, der von Kindheit an blind ist. Wünschenswert wären Handläufe mit taktiler, also zu erfühlender Schrift, die angibt, auf welches Gleis die jeweilige Rampe führt.

Peter Klaus Reiland vom Kasseler Blindenbund sagt: „Viele Blinde meiden den IC-Bahnhof Wilhelmshöhe wie die Pest.“ Genauso wenig seien die Bahnsteige des Hauptbahnhofs blindengerecht, lediglich die Regiotram dort verfüge über Blindenleitsysteme.

Blind unterwegs: Im IC-Bahnhof fühlen sich blinde Menschen wie Helmuth Ernst nicht wohl. Fotos: Hein

Der 63-jährige Helmuth Ernst, Vorsitzender des Kasseler Behindertenbeirats, ist bezüglich dieser Missstände schon länger mit der Bahn im Gespräch. Er weiß: Bahnhöfe werden erst dann blindengerecht ausgestattet, wenn alle 30 Jahre eine Generalsanierung ansteht. Für den Bahnhof in Wilhelmshöhe bedeute dies: im Jahr 2021. Dann sei es auch gängige Vorgehensweise, Standards wie Rillenplatten in den Boden einzulassen, damit sich Blinde mit einem Stock orientieren können, sagt Helmuth Ernst. „Aufgrund der starken Frequentierung des Wilhelmshöher Bahnhofs haben wir darum gebeten, die Sanierung eventuell vorzuziehen.“

Doch die Bahn stellt sich stur: „Es ist derzeit nicht bekannt und absehbar, wann eine Realisierung hinsichtlich der blinden- und sehbehinderten Modernisierung der Verkehrsstation Kassel-Wilhelmshöhe erfolgen kann“, lautet auf HNA-Anfrage die Antwort eines Bahnsprechers in Frankfurt.

Er weist auf das Angebot eines sogenannten „Mobilitätsservice“ der Bahn hin: Einen Tag vor der Zugreise muss sich der Sehbehinderte telefonisch melden. Am Service-Tresen im Bahnhof erwarte ihn dann eine Begleitung zum Gleis. Auch für den Ankunftsbahnhof sei eine Begleitung organisiert. „Das funktioniert in der Regel einwandfrei“, sagt Helmuth Ernst. Leider gebe es dieses Angebot nicht für alle Bahnhöfe.

Und einen Hoffnungsschimmer für Kassel hat Ernst auch: Im nächsten Jahr soll die – auch blindengerechte – Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes in Angriff genommen werden.

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