An vier von fünf Tagen

Test in Kassel: Schulunterricht beginnt erst um 8.35 Uhr

Kassel. Auf die Schulbank, wenn’s draußen noch dunkel ist? Für einige Schüler ist das vorerst passé.

In der Reformschule in Bad Wilhelmshöhe klingelt es zum Unterrichtsbeginn künftig für die Schüler der Jahrgänge 6 bis 8 um 8.30 Uhr. Um 8.35 Uhr fängt der Unterricht an. Und zwar von Montag bis Donnerstag. Freitags beginnt der Unterricht früher.

Im laufenden Schuljahr erprobt die Reformschule an vier Tagen den „offenen Anfang“, um nach einer Überprüfung zu entscheiden, ob der späte Beginn für alle Jahrgänge eingeführt wird. Schulleiterin Elke Hilliger und ihr Kollegium begründen das Experiment mit Studien, die belegen, „dass es nicht richtig ist, morgens früher anzufangen“. Sie beziehen sich auf Christoph Randler, Professor für Biologie-Didaktik an der Uni Tübingen, der sagt, dass ein zu früher Schulbeginn über die Hälfte aller Schüler „massiv benachteiligt“ – mit Auswirkungen auf ihre Leistung, späteren Berufschancen und ihre Gesundheit. Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Uni Regensburg sagt: „Um acht Uhr sind Schüler so leistungsfähig wie um Mitternacht.“

Eine Kasseler Schule, die einen späten Anfang seit 30 Jahren praktiziert, ist die Offene Schule Waldau. An vier Tagen beginnt der Unterricht für die Jahrgänge 5, 6 und 7 um 8.45 Uhr. Geöffnet ist die OSW ab 7.30 Uhr. „Unsere Erfahrungen sind äußerst positiv“, sagt Schulleiter Gerhard Vater.

Im Kontrast dazu gibt es an Gymnasien häufig sogar eine „nullte Stunde“ ab 7.15 Uhr. Dafür müssen Schüler von außerhalb schon mal um 5 Uhr aufstehen. Dieser frühe Anfang komme in der Oberstufe vor, um zusätzliche Lernangebote zu machen, etwa Latein, die sonst im Stundenplan nicht untergebracht werden können, sagt der kommissarische Leiter der Albert-Schweitzer-Schule, Stefan Hermes: „Das ist keine Optimallösung.“ Nach Auskunft des Schulamts entscheiden Schulen eigenständig über ihren Unterrichtsbeginn.

Schulstart in aller Ruhe

Ab 7.45 Uhr können Schüler in die Reformschule kommen – Wenn sie wollen

„Wann eine Schule mit dem Unterricht beginnt, kann jede für sich entscheiden“, sagt Helga Dietrich, die Leiterin vom Staatlichen Schulamt in Kassel. Es müsse lediglich der Lehrplan eingehalten und ein geregelter Schülertransport gewährleistet sein. Wichtig ist, dass jede Veränderung vorher in der Schulgemeinde diskutiert und früh kommuniziert wird. 

Für Schulen im Ganztag sei Flexibilität naturgemäß leichter, so Dietrich. So auch für die beiden hessischen Versuchsschulen Offene Schule Waldau und Reformschule Kassel. „Der flexible Anfang ist ein Bestandteil unseres Ganztagskonzepts“, sagt Elke Hilliger, die Leiterin der Reformschule. 

Neu sei bei dem jetzigen Versuch, dass an vier Tagen, von Montag bis Donnerstag, die pubertierenden Schüler der Jahrgänge 6, 7 und 8 freiwillig entscheiden können, ob sie vor 8.30 Uhr in die Schule kommen oder lieber noch zuhause in Ruhe frühstücken. Auch die Jahrgänge 0, 1 und 2 haben in der Reformschule gleitenden Unterrichtsbeginn. Sie können ab 7.30 Uhr in die Schule kommen und spielen. Ab 8 Uhr ist dann der Lehrer im Klassenraum. Unterrichtsbeginn ist um 8.30 Uhr.

Schüler haben die Wahl

An der Reformschule haben die Schüler der Stufe III seit diesem Schuljahr die Wahl. Sie können ab 7.45 Uhr die Cafeteria besuchen, frühstücken und sich mit den Schulkameraden austauschen. Sie können ab 8 Uhr am sogenannten Angebot „Früben“ (freies Üben) teilnehmen oder ab 7.45 Uhr an verschiedenen Förderkursen (Englisch, Mathe oder Deutsch). Erst um 8.35 Uhr beginnt der Regelunterricht. „So soll den Kindern ein entspannter Beginn des Schultags ermöglicht werden. Sie sollen in ruhiger Atmosphäre zusammen kommen und sich auf den neuen Tag einstellen“, heißt es in einer Pressemitteilung der Schule in Bad Wilhelmshöhe. 

Wenn die Erprobung des „offenen Anfangs“ positiv verläuft, soll das Konzept künftig durchgehend für alle Schüler eingeführt werden. Zuvor müsse aber alles ordentlich evaluiert werden, räumt Hilliger ein. Generell müsse der Stundenplan angepasst und Stunden verteilt werden. „Bei uns fallen keine Pflichtstundenanteile unter den Tisch.“ Erste Resonanz: Der sehr viel ruhigere Unterrichtsbeginn, wirkt sich positiv auf den gesamten Tag aus“, so Hilliger.

Viele Eltern reagierten mit Wertschätzung, umso mehr als die Kinder ja früher in die Schule kommen können und so kein Betreuungsproblem entsteht. „Wir haben für unsere Jahrgänge 6 bis 8 zwischen 7.45 Uhr und 8.35 Uhr einen Zeitraum geschaffen, in dem die Schüler in der Schule ankommen können.“ Der offene Anfang gebe den Kindern „neben der übertragenen Verantwortung für die eigene Lernbiografie Gelegenheit, soziale Kontakte zu vertiefen und Schule nicht nur als Ort des Lernens, sondern auch des Lebens zu erfahren“.

Länger schlafen sorgt für mehr Leistung und Motivation

Schüler, denen man eine halbe Stunde mehr Schlaf gönnt, leisten mehr, sind motivierter und schwänzen seltener den Unterricht - das hat eine Forschergruppe am Hasbro Kinderkrankenhaus in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island herausgefunden. Ideal wäre demnach ein Unterrichtsbeginn nach neun Uhr. Klausuren sollten erst ab 11 Uhr geschrieben werden. 

Regelmäßig belegen internationale Studien, dass es vor allem für Jugendliche in der Pubertät morgens um 6 Uhr noch mitten in der Nacht ist, wenigstens nach deren Biorhythmus. 2015 legte der Chronobiologe Thomas Kantermann von der Universität von Groningen eine Studie zum Thema im „Journal of Biological Rhythms“ vor. Über 700 niederländische Schüler nahmen teil - das Ergebnis: Nicht einmal der vergleichsweise moderate Schulbeginn in den Niederlanden um 8.15 Uhr passt zur inneren Uhr der Schüler. 

Im Durchschnitt schliefen diese im Rahmen der Studie überwiegend bis 9 Uhr. Auch aktuellere Forschungen belegen diese Ergebnisse.

Rubriklistenbild: © Foto: Bernd Wüstneck/Archiv

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