Ein Dutzend Heilanstalten und Privat-Krankenhäuser gab es einst in Kassel

150 Jahre Kurbetrieb in Bad Wilhelmshöhe: „Jeder Atemzug ein Thaler wert“

Wurde 1935 erbaut: Das Freibad Wilhelmshöhe. Hier noch mit unverbautem Blick zum Herkules.

Wilhelmshöhe war schon im 19. Jahrhundert ein beliebtes Reiseziel bei wohlhabenden Bürgern. Und auch der Kaiser residierte dort gerne und oft. Dabei verlor der Ort gleich dreimal seinen Kur-Status.

Vor wenigen Monaten erwarb Jürgen Fischer vom Geschichtsverein Kassel bei einer Internetauktion einen Kurführer von Bad Wilhelmshöhe von 1938. Dies war der Ausgangspunkt für einen Vortrag über das Kurbad Wilhelmshöhe, das sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Gemeinsam mit Ursula Spielmann vom Geschichtsverein hält er diesen am Donnerstag, 11. April, in der Habichtswald-Klinik.

Dank des Bergparks und der Wasserspiele war Wilhelmshöhe ein beliebtes Reiseziel bei wohlhabenden Bürgern. Die Menschen wollten den hektischen Städten entfliehen, deren Luftqualität nicht zuletzt durch die Industrialisierung gelitten hatte.

Auch Kaiser Wilhelm II. schätzte diese heilsame Kraft. Wie schon die Landgrafen und Kurfürsten vor ihm nutzte er Schloss Wilhelmshöhe als Sommerresidenz. Und der Leibarzt des Reichskanzlers Otto von Bismarck, Dr. Ernst Schweninger, sagte über Bad Wilhelmshöhe: „Hier ist jeder Atemzug einen Thaler wert.“ Schnell hatte sich ein Kurbetrieb entwickelt, der Sommerfrischler und Kurgäste anlockte.

„In den 1880er-Jahren erhielt Wilhelmshöhe erstmals den Badstatus“, sagt Fischer. Ein Dutzend Kur-Heilanstalten und Privat-Krankenhäuser entstanden am Rande des Habichtswaldes. Ergänzt wurde das Angebot durch das 1935 errichtete Freibad Wilhelmshöhe und viele Kneipp-Wassertretstellen im Bergpark, von denen die meisten heute nicht mehr existieren. Von 1896 bis 1918 hatte es mit dem Palmenbad bereits Kassels erstes beheiztes Hallenbad gegeben.

Heute Teil der Habichtswald-Klinik: Die Heilanstalt Greveler wurde 1881 erbaut.

Heilanstalt Greveler

Zu den wichtigsten Kurbetrieben der damaligen Zeit zählte die 1881 erbaute Heilanstalt Greveler, die später Erholungsheim der Eisenbahner wurde und heute Teil der Habichtswald-Klinik ist, wo auch der Vortrag stattfindet.

Entstand ab 1874: Dr. Wiederholds Kuranstalt hieß später Kurklinik Dr. Rohrbach.

Kurklinik Dr. Rohrbach

Eine noch etwas längere Geschichte hat die Kurklinik Dr. Rohrbach, die heute am Anthoniweg nahe der Ecke Mulangstraße (Standort: Kirchliche Fortbildungsstätte) liegen würde. Ihre Ursprünge reichen bis in das Jahr 1874 zurück. Zunächst handelte es sich um zwei unabhängig voneinander betriebene Kurheime, die ab 1877 zu „Dr. Wiederhold’s Sanatorium und Kuranstalt“ zusammengefasst wurden. Ab 1920 wurde die mehrfach erweiterte Kuranstalt von Dr. Wilhelm Rohrbach übernommen. Trotz Kriegsschäden wurde der Kurbetrieb in der Nachkriegszeit und noch bis 1965 weitergeführt.

Wurde bis 1968 abgerissen: Goßmanns Sanatorium im Druseltal (heute Augustinum).

Goßmanns Sanatorium

Das ohne Frage prachtvollste Kurhaus stand am Standort der heutigen Seniorenwohnanlage Augustinum, gegenüber der Endhaltestelle Druseltal: Goßmanns Sanatorium. Dieses wurde 1894 eingeweiht. Erbauer war der Naturheilarzt Heinrich Goßmann. 84 Reichsmark kostete der Aufenthalt für eine Woche – was heute dem Wert von etwa 340 Euro entspricht. 1933 wurde das Sanatorium von der Stadt Kassel übernommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die mondäne Anlage unter dem Namen „Kneipp-Gesundheitshaus“ weitergeführt. Doch Ende der 1960er-Jahre folgte der Abriss für das Augustinum.

Das Kur- und Badehaus: Die ehemalige Villa diente ab 1935 der Erholung von Kurgästen.

Kurhaus

Die vierte bedeutende Kureinrichtung war das Kurhaus an der Kurhausstraße. Es wurde um 1900 als Villa erbaut und ab 1935 als Kurhaus genutzt. 1972 wurde das herrschaftliche Gebäude für ein Wohnungsneubauprojekt abgerissen.

Sanatorium Greger

Das fünfte der größeren Häuser war das Sanatorium Greger an der Burgfeldstraße, das 1890 erbaut worden war. Das imposante Gebäude fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Den Status eines Kurortes verlor Bad Wilhelmshöhe jeweils in Folge der Kriege. Es erhielt ihn aber 1935 und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück. 1970 kam abermals der Verlust. Seit 2002 ist der Stadtteil wieder als Kurort anerkannt. Dessen wichtiger Bestandteil ist die 1983 eröffnete Kurhessen-Therme.

Der Vortrag „Habichtswaldklinik im Kurbad Wilhelmshöhe“ findet am 11. April, 18.30 Uhr, in der Habichtswald Klinik, Wigandstraße 1, statt. Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden gebeten. Zudem ist eine Reproduktion des Kurparkführers von 1938 erhältlich.

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