Leiter von Seniorenheimen fürchten weitere Lockerungen und fordern Tests

Corona: Risiko für Verbreitung in Seniorenheimen steigt

Jeder Besuch ist strikt geregelt: Dass Willi Finger (89) seine Frau Anna erst nach dem Fiebermessen durch Julia Wilms (Sozialdienst) sehen kann, daran hat er sich schon gewöhnt.
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Jeder Besuch ist strikt geregelt: Dass Willi Finger (89) seine Frau Anna erst nach dem Fiebermessen durch Julia Wilms (Sozialdienst) sehen kann, daran hat er sich schon gewöhnt. Zwei Mal in der Woche besucht er seine Frau, einmal kommt die gemeinsame Tochter. 100 Besuche finden in dem AWO-Haus pro Woche statt.

Leiter von Seniorenheimen fürchten weitere Lockerungen des Besuchsverbots und fordern mehr Tests. Denn die Zahl der mit dem Coronavirus neu infizierten Menschen steigt.

Kassel - Die Zahl der mit dem Coronavirus neu infizierten Menschen steigt – zugleich behalten die Lockerungen des Besuchsverbots in Seniorenheimen ihre Gültigkeit. Damit steigt auch das Risiko einer Verbreitung des Virus innerhalb einer Einrichtung. Verantwortliche sind besorgt – und rechnen sogar damit, dass die Landesregierung zusätzliche Lockerungen beschließen wird.

Drei Besuche pro Woche und die Möglichkeit, das Haus zu verlassen, haben sich bewährt, sagt Charlotte Bellin vom Stiftsheim Gesundbrunnen. Doch mit der Urlaubszeit von Angehörigen und Mitarbeitern steige das Risiko, dass das Virus ins Haus getragen werde, enorm. „Angst habe ich nicht, aber ich habe eine massive innere Anspannung, das Richtige zu tun“ – etwa darüber zu entscheiden, ob die psychische Verfassung eines Bewohners einen zusätzlichen Besuch zu den drei vorgegebenen erfordere.

Entscheidungen wie diese könnten sich in den kommenden Wochen erübrigen, ist sich AWO-Nordhessen-Geschäftsführer Michael Schmidt sicher. Er rechnet mit weiteren Lockerungen: „Wir bereiten uns auf tägliche Besuche vor.“ Konkret heißt das: Mehr Besuche, höherer Personalbedarf – muss doch jeder Angehörige nicht nur registriert, sondern auch im Eingangsbereich abgeholt und zum Bewohner gebracht werden. „Unsere Pflegekräfte sind schon jetzt einer hohen Belastung ausgesetzt“, sagt Schmidt, der dies vor allem mit den umfangreichen Schutzvorkehrungen im Haus begründet.

Noch bis September würden sich die Pflegekassen darauf einlassen, dass zusätzliches Personal abgerechnet wird. „Wir gehen allerdings davon aus, dass alle Schutzmaßnahmen bis weit ins nächste Jahr bestehen bleiben.“ Nur wenn man diese beibehalte, sei auch eine Lockerung möglich. Und mehr noch: Der AWO-Chef fordert vehement die regelmäßige Testung von Mitarbeitern sowie von Senioren ein, die von zu Hause oder aus dem Krankenhaus ins Heim ziehen. Und auch für Dialysepatienten, die während des Transports und in der Arztpraxis einer Ansteckung ausgesetzt sind, wären asymptomatische Tests sinnvoll.

„Die unzureichende Testpraxis brennt uns unter den Nägeln. Sie ist der letzte, längst überfällige Baustein“, sagt Schmidt, der auch Mitglied eines Planungsstabs im Hessischen Sozialministerium für den Bereich Pflege ist. Eine Prüfung von Testungen sei zugesagt worden, die Finanzierung stehe auch. Jetzt brauche es eine Entscheidung des Landes, wie verfahren werden soll. „Ohne Tests kann ich vor weiteren Lockerungen nur warnen“, so Schmidt.

Charlotte Bellin, die in ihrer Einrichtung für 86 Bewohner zuständig ist, sieht in Tests keine Lösung. „Sie könnten eine falsche Sicherheit bringen.“ Testergebnisse könnten sich teils innerhalb kurzer Zeit verändern. So bleibe ihr nur, weiterhin geduldig zu sein, wenn Angehörigen mal wieder das Verständnis für die zeitgenauen Notizen oder für die Einhaltung der Vorgaben zum Schutz der Bewohner fehlt. „Es ist täglich ein anstrengender Spagat.“

Diesen muss auch Aschrottheim-Chef Peter Grunwald schaffen, der immer wieder auch Angehörige sehe, die beim Abholen von Bewohnern keine Maske tragen. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als alle Beteiligten weiterhin für die Situation zu sensibilisieren, was noch einmal mehr nötig werde, sollten weiter Beschränkungen fallen. „Noch sind die Türen fest verschlossen. Wenn sie geöffnet werden, ist der Besucherstrom nicht mehr zu steuern“, sagt Grunwald. Auch er merkt an, dass mit zusätzlichen Lockerungen auch ein wesentlich größerer Personalbedarf einhergeht. Aber er rechnet damit: „Die Intention war ja, dass man sich die jetzige Situation anguckt und auf Grundlage dessen weiter lockert.“ (Anna Lischper)

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