Auch Jungs lernen hier häkeln

Kasseler Waldorfschule in Bad Wilhelmshöhe ist 90 Jahre alt

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Zum Jubiläum fertig geworden: Die Waldorfschule Kassel hat für zwei Millionen Euro ihren Festsaal saniert und umgebaut. Jetzt hat er eine Empore und neueste Technik. 450 Besucher haben Platz. Gabriele Ehlert und Jochen Henn freuen sich mit der Schulgemeinde.

Auf der ganzen Welt feiern die Waldorfschulen 100 Jahre Waldorf-Pädagogik. Die Kasseler Freie Waldorfschule gibt es seit 90 Jahren. Sie war eine der ersten weltweit.

Sie war eine der ersten weltweit. Auch in Kassel wird ein Jahr lang gefeiert. Beim Festakt des Landesverbands in Frankfurt waren Kasseler Waldorfianer mit auf der Bühne der Alten Oper in Frankfurt. Wir unterhielten uns mit dem Geschäftsführer Jochen Henn und mit Gabriele Ehlert vom Lehrervorstand.

Würden Sie versuchen, für mich Waldorfpädagogik kurz zu definieren?

Gabriele Ehlert: Da gibt es so ein paar Schlagworte, die einem einen Eindruck vermitteln, beispielsweise „Erziehung zur Freiheit“. Jochen Henn: Wichtig ist für uns der Blick auf das Individuum, das wir als Schule begleiten.

Ehlert: Dadurch ist unsere Pädagogik immer eine Beziehungspädagogik und nicht das Eintrichtern von Lerninhalten. Henn: Wir gehen davon aus, dass bei uns jeder Mensch mit Fähigkeiten ankommt. Unsere Aufgabe ist es, das Umfeld zu schaffen, damit der Mensch das, was er mitbringt, entfalten kann.

Ehlert: Wir wollen das Interesse des Schülers wach halten.

Welche Rolle spielt der Lehrer?

Henn: Eine große. Uns ist eine stabile Beziehung zum Lehrer besonders wichtig. Nach Möglichkeit haben die Schüler während der ersten Schuljahre durchgehend einen Klassenlehrer als Bezugsperson. Ehlert: Das Wirken in der Schule geht aber nur in Kombi mit Elternarbeit. Gemeinsam das Schulgeschehen selbstverwaltet zu gestalten, das macht den Beruf so interessant und anspruchsvoll.

Was heißt Elternarbeit?

Ehlert: Die Mitarbeit der Eltern in den verschiedenen Gremien ist elementar. So haben wir beispielsweise einen Baukreis, eine Festekommission, aber auch einen Schulvorstand, in dem Eltern aktiv mitarbeiten. Auch der direkte Kontakt zwischen Lehrern und Eltern ist wichtig.

Die Waldorfschule muss sich ja oft den Vorwurf gefallen lassen, eine Weltanschauungsschule zu sein.

Henn: Das sind wir definitiv nicht. Es ist nicht unser Ziel, dass am Ende Waldorfpädagogen die Schulen verlassen. Natürlich sind die geisteswissenschaftlichen Methoden von Rudolf Steiner unsere pädagogischen Grundlagen. Sie sind aber nicht Inhalt dessen, was den Schülern beigebracht wird. Vielmehr sind es unter anderem besondere Waldorf-Schulfächer wie beispielsweise die Eurythmie, die verpflichtend ist, die einem pädagogischen Zweck dienen.

Welchem?

Ehlert: Eurythmie gehört zum Fächerkanon wie Handarbeiten, etwa Häkeln - auch für Jungs. Die moderne Hirnforschung bestätigt inzwischen den extrem positiven Einfluss der Motorik und des Bewegungsapparats auf das Lernen und Denken.

Wir haben Hauptfächer wie Mathematik, Deutsch, Geschichte,Erdkunde/Heimatkunde oder Physik, die wir in Epochen lehren Es gibt den Schülern die Möglichkeit, über drei oder vier Wochen hinweg tief in eine Materie einzusteigen, die jeden Tag in den ersten zwei Stunden vom Klassenlehrer bis zur Mittelstufe unterrichtet werden. Und dann haben wir die Fachstunden wie Fremdsprachen, Musik, Werken oder auch Gartenbau, die von den Fachlehrern gegeben werden.

Große Beachtung findet ja in Kasseler das duale Ausbildungsprinzip.

Henn: Wir haben in Kassel inzwischen vier Werkstätten, wo man Berufsausbildungen machen kann, für die Bereiche Metall, Holz, Elektro und Schneiderei. Nebenbei: Unser Berufsbildendes Gemeinschaftswerk, der Träger der Werkstätten, feiert 50-jähriges Bestehen.

Die Schüler legen ihre Abschlüsse vor Handwerkskammer und IHK ab. Der Start in die Ausbildungen findet in der 9. Klasse mit den Differenzierungsgesprächen statt.

Wie viele Schüler machen denn Berufsabschlüsse neben dem Schulabschluss?

Henn: Es sind in der Regel zwischen 30 und 50 Prozent unserer Schüler, zurzeit sind es 96 in den Werkstätten

Wo sehen Sie die Waldorfschule in hundert Jahren?

Ehlert: Wir müssen weiter das Ohr am Puls und an den Erfordernissen der Zeit haben, nach dem Motto „Learn to change the world“.

Wir werden weiter Kräfte und Ideale für ein bestmögliches, gesundes Dasein für Mensch und Mitwelt einsetzen. Henn: Hoffentlich werden in hundert Jahren noch Kinder unterrichtet, dann wird sich die Waldorfpädagogik sicher an die geänderten Bedingungen angepasst haben, und trotzdem weiterhin den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Zu den Personen

Jochen Henn (56) hat vor sechs Jahren die Stelle des Geschäftsführers des Vereins der Kasseler Waldorfschule angetreten. Davor war der gebürtige Karlsruher und studierte Volkswirt im Ausland als Vertriebschef einer Firma für Elektrogroßgeräte tätig. Er lebt mit seiner Familie (Ehefrau und Sohn) in Kassel. 

Gabriele Ehlert (59), Sportlehrerin, ist im Lehrervorstand. In ihrer Geburtsstadt Stuttgart hat sie ihre Ausbildung zur Waldorflehrerin gemacht. Seit 1990 unterrichtet sie in Kassel. Sie ist geschieden und Mutter eines Kindes.

Waldorfschule Kassel

Seit ihrer Gründung 1929 und dem Start der ersten Schulklasse 1930 haben mehr als 3500 Kinder die Kasseler Waldorfschule besucht. Sie ist eine Schule, an der nach der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Sie war die achte Waldorfschule weltweit und gilt als ein Flaggschiff der Waldorfpädagogik.

Die staatlich anerkannte Ersatzschule wird von einer freien Trägerschaft getragen. Die Privatschule erhebt Schulgeld, das sich nach dem Einkommen der Eltern richtet. In Kassel wird die Allgemeinbildung mit der Berufsbildung verbunden.

In der Oberstufe werden nicht nur Abiturienten, sondern auch künftige Schreiner, Dreher, Maschinenschlosser, Elektrotechniker etc. unterrichtet. Die Lehrwerkstätten stehen unter der Leitung von Industriemeistern. Die Ausbildung schließt mit Gesellen- oder Facharbeiterbrief ab.

Infos: waldorfschule-kassel.de

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