Senior schreibt ein Buch über sein Leben

Kasseler Winfried Jacob ist mit 95 plötzlich Autor

Ein Leben voller Bilder: Winfried Jacob in seiner Wohnung, die sich in der Seniorenresidenz Mundus befindet.
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Ein Leben voller Bilder: Winfried Jacob in seiner Wohnung, die sich in der Seniorenresidenz Mundus befindet.

Winfried Jacob aus Kassel steht mit 95 Jahren mitten im Leben. Jetzt ist ein Buch von ihm erschienen, in dem er zurückblickt.

Kassel - Es ist gar nicht so leicht, einen Termin mit Winfried Jacob zu finden. An dem einen Tag hat er Vorstandssitzung der Senioren-Union, am nächsten Tag steht bei ihm eine Besprechung an, um seine Lesungen vorzubereiten und, und, und. Aber dann klappt es doch.

Winfried Jacob steht an der Straße, in der Hand hält er sein Handy, und empfängt den Gast vor der Kasseler Seniorenresidenz Mundus, in der er seit November wohnt.

Er nennt sie nur Hotel, weil er das Leben dort so angenehm empfindet wie in einer Nobelherberge.

Winfried Jacob ist jetzt 95, aber was heißt das schon? Anfang des Jahres hat er sich ein neues Auto gekauft – das erste in seinem Leben mit Automatik. „Ich bin immer Autos mit Schaltgetriebe gefahren und habe gesagt: Wenn ich 90 bin, kaufe ich mir ein Auto mit Automatik“, sagt er. Jetzt kam die Umstellung eben mit fünf Jahren Verspätung.

Ansonsten: Malt Winfried Jacob mit Leidenschaft, was auch daran erkennbar ist, dass seine kleine Wohnung voll steht mit Bildern. Und: Er hat ein Buch geschrieben. „Winfried Jacob: Man muss das doch alles mal erzählen!“

Plötzlich Autor mit 95. Wenn er gefragt wird, wie es dazu kam, dann nennt Winfried Jacob gleich mehrere Gründe, die aber irgendwie miteinander zusammenhängen. Kurz vor Corona hielt er einen Vortrag im Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben. Da ging es um die Geschichte der jüdischen Farben-, Glasuren- und Lack-Fabrik Rosenzweig & Baumann. Bei einer der bekanntesten Kasseler Firmen der Vorkriegszeit hat Winfried Jacob als Chemiker und Diplom-Volkswirt lange Zeit gearbeitet – zuletzt war er persönlich haftender Gesellschafter.

Die Resonanz darauf war so groß, dass der Gedanke aufkam, mal all seine Erfahrungen in einem Buch zusammenzufassen: seine Kindheit in Kassel, seine Jugend unter dem Naziregime, das Erleben der Bombennacht am 22. Oktober 1943, die Zeit in russischer Gefangenschaft, die Rückkehr nach Hause, die Rückerstattung der Firma Rosenzweig & Baumann, sein Leben mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau Katharina am Jungfernkopf. 95 Jahre voller Erlebnisse.

„Ich wollte zeigen, wie es wirklich gewesen ist in der Zeit von 1933 an“, sagt Winfried Jacob, der damit gegen die Verharmlosung angehen und ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen will. Außerdem: „Ich will nicht, dass die alten Kasseler Familien in Vergessenheit geraten.“ 

Winfried Jacob holte sich mit dem ehemaligen HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden einen an seine Seite, der ihm half, sein Buchprojekt zu verwirklichen. „Seidenfaden hat mir gleich am Anfang klar gemacht, wie es läuft: Ich soll nicht berichten, sondern erzählen“, sagt Winfried Jacob. Das macht er nun auch – und das fängt schon beim Vorwort an.

Das kommt mit Wucht daher: „Mein Leben begann mit einem Schreckmoment. Zumindest in meiner Erinnerung.“ Und dann erzählt Winfried Jacob, wie er als Fünfjähriger auf der Frankfurter Straße in Kassel fast vom Auto überfahren worden wäre. Das war 1931, als es noch kaum Autos gab – schon gar nicht welche mit Automatik.

In dieser spannenden Erzählform geht es weiter. Die Vorderseite des Buches ist mit einem Bild von ihm versehen, das eine Welle zeigt. Winfried Jacob hat es selbst ausgewählt: „Es steht für die Aufs und Abs in meinem Leben.“

Dieses Leben, in dem noch so viel Kraft steckt. Hat Winfried Jacob noch Träume? „Ich würde gern mal wieder nach Westerland, da war ich früher jedes Jahr“, sagt er – und fügt an: „Vielleicht fahre ich nächstes Jahr mal hin.“

Erst einmal stehen nun Lesungen auf dem Programm: im Mundus, womöglich in anderen Seniorenresidenzen. In Kassel. In Oldenburg. In einem Ort bei München. Er wird sich dann mit seinem neuen Auto auf den Weg machen, sagt er und wundert sich fast über die Frage, wie er dort hinkommt. Mit der Tram? Mit der Bahn? „Ich wüsste doch noch nicht mal, wie man ein Ticket zieht“, sagt er und kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Er sitzt jetzt in seiner kleinen Wohnung mit Herkulesblick. Der war ihm wichtig. „Ohne geht es nicht.“ Er fühlt sich wohl in seiner neuen Umgebung und vermittelt den Eindruck, als stünde er mit 95 mitten im Leben. Einkaufen? Wäsche waschen? Macht er selbst. Und zwischendurch schreibt er halt mal ein Buch.

Bei manch einer Jahreszahl, die er dafür benötigte, war sich Winfried Jacob unsicher. Er fragte dann seinen Freund Heinz Ehrenberg, mit dem er sich oft trifft. „Der muss es ja wissen“, sagt Winfried Jacob. Ehrenberg wird im November 104.

Info: „Man muss das doch alles mal erzählen!“ – das Buch von Winfried Jacob kostet 15 Euro und ist in der Buchhandlung Vietor erhältlich. Bestellungen sind auch über info@soremski.net möglich. Die erste Lesung findet am 31. August ab 16 Uhr im Mundus für die Bewohner der Seniorenresidenz statt. (Florian Hagemann)

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