Lichtexperte Peter Zypries über die Aktion

Nach dem Schrecken ging’s ruckzuck: Wie der Herkules in Kassel plötzlich bunt wurde

Hingucker: Am Mittwochabend erstrahlte der Herkules zum Fußball-EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben.
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Hingucker: Am Mittwochabend erstrahlte der Herkules zum Fußball-EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben.

Peter Zypries, der für die Beleuchtung des Herkules verantwortlich war, erklärt, wie es zu der Idee kam und wie das Kasseler Wahrzeichen plötzlich in Regenbogenfarben leuchtete.

Kassel – Als Peter Zypries von der Idee mit dem Herkules in Regenbogenfarben erfuhr, ist ihm ein bisschen der Schrecken in die Glieder gefahren, wie er sagt. Das war am Mittwoch gegen 15.30 Uhr. Am Abend schon sollten der Geschäftsführer der Firma Kunstlicht und Techniker der Städtischen Werke den Plan umsetzen. Davor stand aber noch das Kindertheater im Botanischen Garten für Zypries auf dem Programm. Wie nur sollte das gehen?

Zypries erbat sich zehn Minuten Bedenkzeit, dann sagte er zu – auch wenn ein solches Vorhaben normalerweise ein paar Tage Vorlauf benötigt. Aber der Termin am Abend war unverhandelbar: Zum Anpfiff der Partie Deutschland gegen Ungarn bei der Fußball-Europameisterschaft sollte und wollte auch Kassel ein Zeichen setzen – für Vielfalt, gegen Ausgrenzung, gegen Homophobie. Da waren Flexibilität und Spontaneität gefragt. Die Solidaritätsaktion hatte sich schließlich nicht über Tage entwickelt, sondern über Stunden.

Eigentlich sollte die Arena im Austragungsort München in Regenbogenfarben angestrahlt werden, doch die Europäische Fußball-Union sprach Anfang der Woche ein Verbot aus. Daraufhin färbten viele in den Sozialen Netzwerken ihre Profilbilder in Regenbogenfarben, andere Städte kündigten an, zum Spiel Bauwerke anzustrahlen. Auch Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle wollte ein Zeichen setzen. Mittwochmorgen besprach er sich mit Kollegen. Sie sollten ein gescheites Bild mit einem Kassel-Motiv heraussuchen, das in Regenbogenfarben darstellen und in den Sozialen Netzwerken veröffentlichen – mit dem Satz Geselles, dass Kassel eine weltoffene, bunte und vielfältige Stadt sei, in der Intoleranz, Vorurteile und Diskriminierung keinen Platz hätten.

Geselle dachte zunächst an das Auestadion als Motiv. Sein Referent Sascha Stiebing aber nahm die Rückseite des Herkules’. Als Geselle das am Mittag sah, erschrak er zunächst. Stiebing aber überzeugte ihn. Zu der Zeit hatte der Post schon eine enorme Reichweite erzielt, es gab viele positive Reaktionen. Und es gab erste Medienanfragen, ob denn der Herkules tatsächlich am Abend angestrahlt würde.

Dann nahm alles seinen Lauf: Die Stadt fragte bei Martin Eberle, dem Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, nach. Er gab sein Okay. Die Städtischen Werke wurden eingeschaltet – und auch Peter Zypries. Mit den Technikern richtete er am Abend unter höchstem Zeitdruck alles ein. Die Aufgabe war „hinreichend schwer“, wie Zypries es ausdrückt; verschiedene Farben mussten bei Tageslicht ausgerichtet werden. Am Ende klappte alles. Als es dunkel war, erstrahlte der Herkules bis Mitternacht in Regenbogenfarben – ein voller Erfolg.

Noch am Abend kamen annähernd 200 Menschen zum Herkules, wie Zypries berichtet. Die Reaktionen? Alle positiv. Das sagt auch Geselle, der sogar das Wort „überwältigend“ gebraucht. Er sagte das mit dem Stolz auf eine weltoffene Stadt. (Florian Hagemann)

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