Wetterfrosch wurde zum Retter

Nach Xavier: In Kassel gestrandeter NDR-Moderator charterte spontan Bus

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Gute Laune: Die durch den Sturm zusammengeschweißte Reisegesellschaft, die sich am Freitag auf den Weg von Kassel nach Hamburg machte.

Kassel. Es gibt kuriose Geschichten – und es gibt unglaublich kuriose Geschichten. Die folgende rund um das Chaos nach Sturmtief Xavier gehört zur zweiten Kategorie.

Sie spinnt sich um Frank Böttcher, den Wettermoderator des Norddeutschen Rundfunks, der zum Reiseleiter und Nothelfer werden sollte.

Der Hamburger war am Donnerstag wie Tausende weitere Fährgäste am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe gestrandet, nachdem der Sturm Xavier den Bahnverkehr lahmgelegt hatte.

„Das entbehrte nicht einer gewissen Komik, weil ich doch am Tag zuvor im NDR-Fernsehen die Leute dazu aufgerufen hatte, wegen des Sturms lieber zu Hause zu bleiben“, erzählt der 49-Jährige. Dann aber entschied er sich, doch mit der Bahn nach Wiesbaden zu fahren. Dass dies die falsche Entscheidung war, stellte er auf dem Rückweg fest. 20 Minuten vor der Einfahrt nach Kassel kam die Durchsage, dass der Zug in Kassel nicht mehr weiterfahren würde.

Wettermoderator: Der Meteorologe Frank Böttcher ist beim NDR als Wetterexperte tätig.

„Sofort waren alle im Zug mit ihren Smartphones zu Gange und wollten ein Hotelzimmer buchen“, sagt Böttcher. Er habe sich schon gewundert, dass offenbar mehrere Personen das letzte Zimmer im H4-Hotel an der Stadthalle bekommen hatten. So stürzte er in der Dunkelheit mit einem großen Tross vom Bahnhof zum Hotel. Dort erfuhren die Gestrandeten, dass das Hotel maßlos überbucht war. Also suchte er nach einem neuen Hotel und wurde im Hotel Palmenbad in Wilhelmshöhe auch fündig.

Nach einer erholsamen Nacht, sollten sich die Probleme aber nicht aufgelöst haben. Die Bahnen standen tagsdrauf immer noch still. Also überlegte Böttcher nach Alternativen. Mietwagen und Taxis waren nicht zu bekommen.

Schließlich kam ihm die Idee, einen Reisebus zu chartern. Gesagt, getan. Kurz darauf hatte er für über 1000 Euro beim Busunternehmen Hessen Express aus Großalmerode einen Bus bestellt. „Ich fand das zunächst ungewöhnlich. Da ruft jemand an und will sofort einen Bus. Man weiß ja nie, wen man am Telefon hat. Aber dann war ich begeistert, wie er an die Sache rangegangen ist“, sagt Claudia Friedrich von Hessen Express.

Punkt 11 Uhr am Freitag fuhr der Bus am Bahnhof Wilhelmshöhe vor. Dort wartete schon Böttcher mit einem Schild, das er sich im Hotel ausdrucken ließ. Darauf stand: „30 Euro Hamburg“. Nur für einen kurzen Moment habe er Sorge gehabt, dass die Idee mit dem Bus nicht gut war und er auf den Kosten sitzen bleibt. Aber: „Nach zwei Minuten waren die 48 Plätze im Bus voll“, sagt Böttcher.

Aus Post-its bastelte er provisorische Tickets. Denn jeder Fahrgast sollte sich noch kurz Verpflegung im Bahnhof kaufen können. Was folgte, war eine kurzweilige Fahrt mit viel guter Laune. „Das war eine unterhaltsame Truppe“, sagt Böttcher. Er selbst habe sich als Reiseleiter betätigt. Punkt 15 Uhr kam der Bus in Hamburg an. „Anders als die Bahn, ganz ohne Verspätung“, witzelt der Wetterfrosch, der trotz seiner Umstände ganz begeistert über das Shapiro-Keyser-Zyklone-Phänomen spricht, das hierzulande selten zu beobachten ist und für den Sturm verantwortlich war. 

Auch Montag ist Bahnverkehr eingeschränkt

Nach dem Sturm Xavier sind zwar schon viele Bahnstrecken wieder befahrbar, aber es gibt auch noch einige Einschränkungen. „Von Kassel aus kommt man aber wieder gut weg und man erreicht auch fast jedes Ziel, wenn auch nicht immer auf direktem Weg“, sagte ein Bahnsprecher auf HNA-Anfrage. Folgende Strecken sind am heutigen Montag noch zeitweise gesperrt.

  • Die Strecke Magdeburg- Berlin wird im Laufe des Tages wieder sukzessive geöffnet.
  • Die Strecke Hamburg-Berlin soll ebenfalls in den Morgenstunden wieder befahrbar sein.
  • Die Strecke Osnabrück-Hamburg wird erst im Laufe des Tages wieder geöffnet.
  • Gleiches gilt für die Strecke Hannover-Magdeburg.
  • Auf unbestimmte Zeit gesperrt bleibt die Strecke Leer-Oldenburg-Bremen.

Die Bahnhofstafel in Kassel-Wilhelmshöhe

Aufgrund der zu erwartenden sehr hohen Nachfrage empfiehlt die Deutsche Bahn, eine Reservierung für ICE- und IC-Züge vorzunehmen.

Bahnkunden, die von den Sturmschäden betroffen waren oder sind und die ihre Reise verschieben können, haben die Möglichkeit, ihre bereits gekauften Tickets flexibel bis Sonntag, 15. Oktober, einzusetzen. Diese Regelung gilt auch für Tickets mit Zugbindung. Betroffene Reisende, die ihre bereits gebuchte Reise nicht antreten möchten, können ihre Tickets gebührenfrei zurückgeben. 

Hier können Sie Ihre Zugverbindung vor Fahrtantritt prüfen.

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