Landgericht: Angeklagter war von Vernichtungswillen getrieben

Fall Kunoldstraße: Opfer blieb fünf Tage unentdeckt

Wurde zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt: Der 23-jährige Rick T. hat gestanden, seine 49-jährige Bekannte getötet zu haben. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Fünf Tage lang scheint sie niemand vermisst zu haben: In der Nacht zum 12. Juni 2014 wurde eine 49-jährige Frau in ihrer Wohnung an der Kunoldstraße umgebracht.

Der Täter: Der 27 Jahre jüngeren Rick T. Die beiden hatten sich im Herbst 2013 in der Psychiatrischen Klinik in Merxhausen kennengelernt. Zwischen der Frau, die unter einer manisch-depressiven Erkrankung litt, und dem jungen Mann, der wegen einer Psychose aufgrund seines Drogenkonsums behandelt wurde, entwickelte sich eine Beziehung, die auch intime Komponenten hatte.

Am 17. Juni 2014 ging Rick T. in Begleitung seiner Betreuerin zur Kriminalpolizei und legte ein Geständnis ab: Er habe seine Bekannte in deren Wohnung getötet. Die Spuren, die die Ermittler dort fanden, und das Ergebnis der Obduktion deckten sich mit der Geschichte des Angeklagten. Das sagte Volker Mütze, Vorsitzender Richter der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts, am Mittwoch, nachdem er Rick T. wegen Totschlags und Unterschlagung in Tateinheit mit Fahren ohne Fahrerlaubnis zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt hatte.

Demnach hatte Rick T. in der Nacht zum 12. Juni die 49-Jährige besucht. Dabei sei es wegen 40.000 Euro, die er ihr aus der Wohnung in Bad Wilhelmshöhe gestohlen hatte, und seiner Beziehung zu einer anderen Frau zum Streit gekommen. Als er die Wohnung verlassen wollte, habe die 49-Jährige die Tür abgeschlossen und ihn in die Küche geschubst. Als er dort ein Messer gesehen habe, habe er es gegriffen und zugestochen. An die eigentliche Tat könne er sich nicht erinnern.

„Wir können nicht mehr aufklären, was in der Wohnung wirklich passiert ist. Wir haben keine Zeugen, nur die Einlassung des Angeklagten“, so der Vorsitzende Richter. In der Beweisaufnahme habe es allerdings keinerlei Anhaltspunkte darüber gegeben, dass Rick T. die Tat geplant habe. Auch sein Vorgehen spreche nicht dafür, sagte Mütze. Fest stehe nur, dass Rick T. von einem „Vernichtungswillen“ getrieben worden sei, als er mit voller Wucht wahllos auf das Gesicht und den Oberkörper des Opfers 39-mal eingestochen habe.

Auch wenn Rick T. eine dissoziale Persönlichkeitsstörung (antisoziales Verhalten) habe, sei er voll schuldfähig, und auch seine Steuerungsfähigkeit sei bei der Tat vorhanden gewesen, so das Gericht.

Marcus Mauermann, der Verteidiger von Rick T., hatte eine Verurteilung von nicht mehr als zehn Jahren Haft gefordert. In seinem Plädoyer war er auf die „Beziehungsbrüche“ seines Mandanten eingegangen. Nach seiner Geburt in Kassel war er von seiner Mutter weggegeben und von einer Familie an der holländischen Grenze adoptiert worden. Schon als Kind und Jugendlicher war er auffällig. Rick T. war in Einrichtungen untergebracht und wurde straffällig. Nachdem er im Juli 2013 aus der Haft entlassen worden war, nahm er erstmals Kontakt zu seinem leiblichen Vater auf. Um diesen kennenzulernen, kehrte Rick T. nach Kassel zurück.

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