Bei Sanierungsarbeiten im Ballhaus

Spuren des königlichen Theaters in Kassel gefunden

Alte Gemäuer überraschend freigelegt: Dr. Micha Röhring, Planungsbeauftragter bei der Museumslandschaft Hessen Kassel, steht im Keller des Ballhauses. Auf diesen Mauern waren ursprünglich die Theaterränge angebracht. Fotos:  Koch

Kassel. Es sei schon eine Überraschung gewesen. Niemand habe wirklich damit gerechnet, dass man noch Überreste des ehemaligen Hoftheaters findet.

Das Gebäude hat der Architekt Leo von Klenze 1810 in den Bergpark Wilhelmshöhe gebaut, sagt Dr. Micha Röhring, Planungsbeauftragter bei der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Bei Sanierungsarbeiten des Ballhauses sind die Arbeiter kürzlich im Keller auf die Grundmauern der Theaterränge gestoßen. Das sehe fast so aus, als ob man römische Thermen entdeckt habe, sagt Röhring. Zwischen dem Schutt wurden auch zwei Hufeisen gefunden. Man habe gescherzt, ob sie wohl von Napoleons Pferd stammten.

Da das Gebäude nicht komplett unterkellert war, sondern ein Teil beim Umbau zum Ballhaus im Jahr 1889 mit Lehm zugeschüttet wurde, blieben die Grundmauern bis vor Kurzem im Verborgenen. Im Sommer dieses Jahres wurde mit der Grundsanierung des Ballhauses begonnen. 5,4 Millionen Euro hat das Land Hessen dafür veranschlagt.

Mehr zum Ballhaus finden Sie in unserem Regiowiki.

Da das Ballhaus künftig möglichst über das gesamte Jahr als Veranstaltungsort genutzt werden soll, habe man sich dazu entschieden, eine Fußbodenheizung einzubauen, sagt Röhring. Da man das Parkett im prachtvollen Ballsaal dafür nicht herunternehmen wollte, werde die Fußbodenheizung von unten, also an der Kellerdecke, angebracht. Dafür habe man den zugeschütteten Teil des Kellers mit Presslufthammern freigelegt.

Bislang wurde das Ballhaus mit einer in die Jahre gekommenen Klimaanlage beheizt. Die habe aber nicht die Leistung gehabt, dass das Gebäude auch im Winter genutzt werden konnte. Zudem habe sie zu viel Energie verbraucht. „Wir rechnen damit, dass wir künftig die Hälfte der Kosten sparen“, sagt Röhring.

Darüber hinaus seien durch die warme Luft der Klimaanlage die Malereien an den Wänden und dem Tonnengewölbe verschmutzt worden. Ein Restaurator soll im Frühjahr kommenden Jahres damit beginnen, die Schäden zu beseitigen. Röhring geht davon aus, dass die komplette Sanierung im Sommer 2016 abgeschlossen sein wird. Neue Fenster und Türen werden bis dahin eingebaut und die Holzstützen der Fachwerkhauskonstruktion im unteren Bereich erneuert. Zudem soll das Ballhaus einen neuen Anstrich bekommen.

Über die Farbe sei man sich noch nicht einig. Derzeit ist das Gebäude in einer Art von Rosa angestrichen. „Rosa ist nicht so typisch für diese Zeit. Wir haben aber auch keine Befunde über die ursprüngliche Farbe“, sagt Röhring.

Die Farbwahl stellt aber nicht wirklich ein Problem dar. Röhring freut sich vielmehr darüber, dass das Ballhaus, „das wohl den prachtvollsten Innenraum Nordhessens hat“, überhaupt noch steht. Architekt Klenze habe 1810 wohl nicht damit gerechnet, dass diese „temporäre Architektur“ über 200 Jahre alt werden würde.

Vielleicht liegt es ja an den beiden Glücksbringern, die im Schutt schlummerten.

Hintergrund: Söhne des Kaisers spielten Tennis

Das Ballhaus, das ursprünglich im Jahr 1810 im Auftrag von König Jérôme Napoleon Bonaparte durch Leo von Klenze als Hoftheater errichtet wurde, befindet sich vor dem nördlichen Schlossflügel. Es war das erste Bauwerk des „königlichen Architekten“. Das Hoftheater war als Ort der Unterhaltung für den legendären König „Lustik“, wie Jérôme im Volksmund genannt wurde, und seinen überwiegend französischen Hofstaat gedacht. Nach dem Zusammenbruch Westfalens im Jahr 1813 und der Rückkehr des Landesherrn und späteren Kurfürsten Wilhelm I. sollte das Theater zuerst abgerissen werden. Stattdessen bekam Johann Conrad Bromeis 1828 den Auftrag , das Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen, es zu einem „Tanzsale für das Publicum“ umzubauen.

Ab 1899 nutzte Kaiser Wilhelm II. das Schloss Wilhelmshöhe als jährliche Sommerresidenz. Seine Söhne sollen im Ballhaus Tennis gespielt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ballhaus zeitweise von der US-Militärregierung genutzt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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