Langjähriger Chefredakteur von "Geo" äußert sich

Gastbeitrag von Gaede zum Schlosscafé: "Aus dem Tiefkühlfach einer Behörde"

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Party in Berlin: 2003 trafen sich Peter-Matthias Gaede, Astrid El Al und Mahmoud El Ah (von links) in der Bundeshauptstadt, als Kassel sich in der Hessischen Landesvertretung als Kulturhauptstadt für 2010 präsentierte.

Kassel/Hamburg. Peter-Matthias Gaede. langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Geo, bezieht in einem Gastbeitrag für unsere Zeitung Stellung zu den Ereignissen rund um das Kasseler Schloßcafé.

Ich schicke voraus, dass ich parteilich bin, denn ich kenne und schätze die Familie El Ahl seit Jahrzehnten; ich fühle mich ihr befreundet. Ich gestehe außerdem, dass sich die Argumentationen in den Urteilen von Landes- und Oberlandesgericht meiner Kenntnis entziehen. Wer also meint, man dürfe in der Sache Schloss-Café nur objektiv und juristisch urteilen, der lese nicht weiter.

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Nein, nicht einmal dieses Ministerinnen-Wort, wonach der Auszug der El Ahls aus ihrem Café erst dann anstehen werde, wenn eine Generalsanierung beschlossen sei, kenne ich im Detail. Aber gegeben hat es dieses Wort ja wohl, und auf es zu bauen, könnte man treuherzig nennen, im Nachhinein gar naiv. Und trotzdem spräche dies dann mehr gegen die, denen das Wort der ehemaligen Ministerin schnuppe ist beim Auffahren ihrer juristischen Geschütze, als es gegen die El Ahls sprechen würde. Es ist nicht strafbar, höchstens fahrlässig, an eine Gesellschaft zu glauben, in der man gegebenen Worten noch vertrauen darf.

Komplett bürokratisch

Nun also raus mit den El Ahls. Mit diesem Rauswurf muss man weder Verschwörungstheorien verbinden noch muss man ihn kriminell nennen, wie es manche empörte Kasseler tun. Denn das ist er natürlich nicht. Er ist nur komplett bürokratisch-nüchtern. Er ist im angebahnten Vollzug außerdem ziemlich dumm. Und vor allem: Er ist ein Plan aus dem Tiefkühlfach einer Behörde; ohne jede Seele.

Er konterkariert ein Dutzend Sonntagsreden über die Bewohnbarkeit der Städte. Denn von den Städten wissen wir doch, dass es nicht die Mauern sind, die sie uns zur Heimat machen, sondern die Menschen, die in diesen Mauern wohnen, wirtschaften, handeln und Traditionen herstellen; und die für ein paar Verbindlichkeiten und Gewissheiten sorgen, ohne die es keinen Halt mehr gäbe.

Nein, das ist keine Nostalgie. Das ist nur das Votum, nicht alles und jede und jeden für jederzeit austauschbar zu halten. Das ist ein Votum gegen die Normierung unserer Lebenswelt; in diesem Falle durch den nächstbesten Stärkeren, Solventeren oder durch eine Systemgastronomie, in anderen Fällen mit anderen Systemen, die aus den Städten austauschbare Konglomerate des Immergleichen machen. Welche Namen gibt es noch in der Kasseler Geschäftswelt nach dem Verschwinden zum Beispiel von Lometsch, Lottermoser, Heinsius & Sander und vielen anderen, demnächst den ElAhls, die es nicht überall sonst schon gibt? Wobei es natürlich nicht um die Namen geht, sondern um das, wofür sie stehen. Oder standen.

Erinnerungsbruch

Aber natürlich, es geht nur um ein Café. Und jene Touristen aus Ulm, die sich an der Kuchentheke erkundigen, wieviele Fußminuten es wohl bis zum „Drakules“ sind, werden auch von einem, sagen wir r Systemgastronomen Auskunft und gegebenenfalls einen freundlichen Hinweis auf den korrekten Namen erhalten. Beides ist ja nicht so schwer. Der Verlust wird in etwas anderem bestehen. Nämlich in einem weiteren Erinnerungsbruch. In einem weiteren kleinen Abbau von Vertrautheit, für einige sogar in einem weiteren Verlust an Geborgenheit.

Und selbst wenn nicht: Hätte es sich ein Ehepaar, das seit 37 Jahren engagiert und über viele Unbilden hinweg für einen Kasseler Ankerplatz sorgt, nicht verdient, weniger rabiat aus den eigenen Ankern gerissen zu werden? Könnte vielleicht ein Gefühl für Proportionen siegen? Könnte man sich in Wiesbaden nicht vielleicht dazu entschließen, ein geordnetes, einvernehmliches und deshalb schönes Ende anzubieten, etwa im Herbst 2015 oder im Herbst 2016, auf das sich alle Beteiligten vorbereiten können, innerlich und organisatorisch?

Das jedenfalls würde ich den El Ahls wünschen. Und Kassel!

Peter-Matthias Gaede,

Hamburg

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