Projektleiter über den Wilhelmshöher Bahnhof

ICE-Bahnhof in Kassel: Toiletten vergessen? „Das ist ein Märchen“

Der Bahnhof in Kassel war auch sein Projekt: Günter Klotz, der auch weiß, wie die Dachkonstruktion zustande kam.
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Der Bahnhof in Kassel war auch sein Projekt: Günter Klotz, der auch weiß, wie die Dachkonstruktion zustande kam.

Vor 30 Jahren fuhren nach langer Planungsphase die ersten Züge in den Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel. Ein Interview mit dem Projektleiter Günter Klotz.

Kassel - 30 Jahre ist es her, dass die ersten ICE-Züge in den neuen Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe einfuhren. Dem Start in das neue Bahnzeitalter ist eine lange Zeit des Planens vorausgegangen – nicht ohne Komplikationen. Projektleiter Günter Klotz erinnert sich an aufreibende Diskussionen mit Bürgerinitiativen in Kassel, er erklärt, wie die Idee mit den Rampen entstand und was es mit den angeblich vergessenen Toiletten auf sich hat.

Herr Professor Klotz, Sie sind 1979 Projektleiter für den Bau der Schnellstrecke im Bereich Kassel geworden. Wie viel Zeit und Nerven hat Sie das Projekt gekostet?
Oje, schon sehr viel Zeit und Nerven. Und Aufregung – vor allem durch die vielen Angriffe, die ich von allen Seiten bekommen habe: von den Bürgerinitiativen, von den politischen Parteien, von allen. Immer wieder wurde gegen meine Planungen protestiert. Dazu muss man wissen: Es gab allein 35 Bürgerversammlungen und 128 Sitzungen politischer Gremien zum Thema Bahnplanungen.
Wie haben Sie es dennoch geschafft, sich durchzusetzen?
Mit viel Beharrlichkeit und der Flexibilität, mich überall durchzulavieren. Es gab ja allein, wenn ich mich richtig erinnere, 17 Bürgerinitiativen mit 136 registrierten Aktivitäten. Viele der Protestierenden waren extrem gegen mich eingestellt, andere waren harmlos. Ich erinnere mich aber zum Beispiel noch an die Bürgerinitiative für Oberzwehren mit einem Studienrat an der Spitze, die massiv gegen mich vorgegangen ist. Aber das muss man eben wegstecken.
Gab es denn Phasen, in denen Sie dachten: Das wird nichts mehr?
Ich war immer optimistisch, etwas anderes blieb mir auch nicht übrig. So ließen sich alle Rückschläge meistern. Es war ja auch so: Mitten in der Bauphase wurde auf einmal beschlossen, die Inbetriebnahme der Neubaustrecke um zwei Jahre vorzuverlegen. Also mussten wir noch schneller fertig werden. Unsere ganze Bauplanung und der Bauablauf mussten angepasst werden. Das war sehr schwierig und natürlich mit viel Stress verbunden.
Letztlich war der Bahnhof Ende Mai 1991 soweit fertig, dass er eingeweiht werden konnte und die ersten ICE-Züge dort einfuhren. Was bedeutete Ihnen dieser Moment?
Das war natürlich eine Befriedigung, wobei ich sagen muss: Der Bahnhof war zwar fertig, aber sonst war noch viel zu tun. Wir mussten noch nördlich des Bahnhofs mehrfach Gleise umbauen, andere neu bauen und noch viele Lärmschutzbauwerke errichten. Das hat bis Ende 1996 gedauert.
Apropos nicht fertig: Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, bei den Planungen seien die Toiletten vergessen worden.
Das ist ein Märchen. Die Geschichte ist die: Wir haben uns mit der Stadt gestritten, wo die Toiletten hinkommen sollten. Deshalb kam es zu Verzögerungen beim Bau, und sie wurden erst ein paar Tage nach der Eröffnung fertig. Deshalb hatten wir einen Toilettenwagen aufgestellt. Irgendjemand hat dann daraus die Geschichte gemacht, wir hätten die Toiletten bei der Planung vergessen. Das war für die Presse natürlich ein gefundenes Fressen: Haha, die haben die Toiletten vergessen, Schilda lässt grüßen. Aber so war es nicht.
Neben den angeblich vergessenen Toiletten waren auch die Rampen immer wieder Thema – bis heute eigentlich. Wie kam es zu dieser Konstruktion?
Mir war vonseiten der Bahn vorgeschrieben worden, keine Fahrstühle einzubauen – aus Kostengründen. Nebenbei: Später sind sie dann doch eingebaut worden. Aber wir mussten also erst einmal ohne planen und stellten uns die Frage: Was tun? Die Menschen die Treppe hinaufscheuchen? Das wollten wir nicht. Für Rolltreppen war kein Platz. Also habe ich gesagt: Machen wir eben Rampen.
Wie kamen Sie auf die Idee?
Rampen gibt es in anderen Städten auch. Ich habe mir ja viele Bahnhöfe angeschaut – vor allem in der Schweiz. Bern und Basel zum Beispiel hatten auch diese Rampen – steiler als unsere. Und dann war ich in London. Da habe ich gesehen, dass Autos auf die Bahnsteige fuhren. In Paddington etwa durften die Menschen mit ihren Privatwagen vorfahren. Da habe ich gedacht: Das wäre doch ein Gag für Kassel, damit könnte man das Bahnfahren noch attraktiver machen. Und wenn das mit den Privatwagen vielleicht ein bisschen zu viel des Guten sein sollte, dann sollten doch zumindest die Taxis auf den Bahnsteig fahren dürfen. Entsprechend ist dann alles auch so gebaut worden – und von der Belastung her können auch schwere Autos wie Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeuge die Rampen nutzen.
Warum aber fahren dann doch keine Taxis auf den Bahnsteig?
Weil die Juristen der Bahn Bedenken angemeldet haben. Die haben gesagt: Nein, nein – wenn da etwas passiert! Das waren die von der Hauptverwaltung der Bundesbahn, mit der ich oft im Klinsch war. Aber die haben sich in dem Punkt durchgesetzt. Prinzipiell wäre es jetzt immer noch möglich, dort mit dem Auto vorzufahren, auch wenn die Zufahrt derzeit verbaut ist. Die eigentliche Planung war, dass man direkt vom Bahnhofsvorplatz dort reinfahren kann.
Entspricht der Bahnhof ansonsten ihren Wunschvorstellungen von damals?
Als es darum ging, den neuen Bahnhof zu bauen, habe ich mich zu Hause auf den Boden im Wohnzimmer hingelegt und mit dickem Bleistift alles aufgemalt: Bahnsteige, Gleise, alles. Dann haben meine Mitarbeiter das verfeinert. Daran hat sich danach nichts mehr geändert, wenn man mal vom Empfangsgebäude und den Bahnsteigdächern absieht. Da gab es mehrere Wettbewerbe, durch die die Hochbauten immer wieder neu geplant wurden.
Und wie sieht es mit dem Vorplatz aus?
Das war eine Idee der Architekten Brandt und Böttcher aus Berlin. Die hatten bereits einen ersten Architekturwettbewerb gewonnen, aber darüber konnte dann im späteren Verlauf keine endgültige Einigung erzielt werden. Also mussten neue Pläne her. So ist erst die große Platte vor dem Empfangsgebäude entstanden, das war früher ein großes Loch. Die Architekten haben das zum Anlass genommen, ein großes Dach zu bauen.
Wir hatten bis dahin die Vorstellung von kleinen Dächern über den einzelnen Tramhaltestellen. Als mir dann einer der Architekten den ersten Entwurf für ein großes Dach vorgelegt hat, bin ich sofort zum damaligen Oberbürgermeister Hans Eichel gegangen. Er war genauso begeistert wie ich. Wir haben dann beschlossen, uns gemeinsam für die Verwirklichung dieses Plans zu engagieren. Und wir haben ihn schließlich durchgesetzt.
Wie aber kam es zu der Anordnung der Säulen, die ja unregelmäßig stehen?
Die Architekten sind bei mir gewesen und haben mir den Entwurf für dieses Dach gezeigt. Sie wollten anschließend die Gegend erkunden und haben im Reinhardswald die Anordnung der Eichen gesehen. Das hat sie inspiriert. Sie haben sich eine Skizze gemacht, wie die Bäume dort so stehen: in gerader Linie, aber in unregelmäßiger Reihenfolge. Dann haben sie gesagt: Das übernehmen wir für das Dach. Zusammen mit den Oberlichtern über den Säulen sollten sie den Eindruck eines lichten Waldes vermitteln.
Wenn Sie heute zum Bahnhof gehen, sagen Sie sich dann: Mensch, dies und jenes hätten wir aber anders machen können?
Es hätte sicher manches anders gelöst werden können, aber ich bin froh, dass es so gekommen ist. Für mich ist das Projekt erledigt. Ich sehe zwar gern zurück, aber es nicht so, dass ich jedes Mal entzückt wäre, wenn ich am Bahnhof bin. (Florian Hagemann)

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