Streit um Größe der Wohnung eskaliert - Zweimal war das Wasser abgestellt

„Vermieter verhält sich skrupellos“: Eigentümer stellten zweimal für viele Tage das Wasser ab

Vom Wohntraum ist wenig übrig geblieben: Piet Gryselka ist Mieter in einem Mehrfamilienhaus an der Langen Straße. Nach einem Streit mit dem Vermieter stellte dieser das Wasser ab.
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Vom Wohntraum ist wenig übrig geblieben: Piet Gryselka ist Mieter in einem Mehrfamilienhaus an der Langen Straße. Nach einem Streit mit dem Vermieter stellte dieser das Wasser ab.

Ein Kasseler liegt mit seinem Vermieter im Streit um die Größe seiner Wohnung. Die Eigentümer stellen schließlich zweimal für längere Zeit das Wasser ab. Jeweils muss ein Richter einschreiten.

Kassel – Am Anfang schien alles perfekt: Als Piet Gryselka vor vier Jahren eine Dachgeschosswohnung in einem Altbau an der Langen Straße in Wahlershausen fand, war er begeistert. Zwar war die Kaltmiete mit neun Euro pro Quadratmeter nicht günstig, aber die Lage war gut, und die Wohnung bot Platz für seine drei Kinder, die zeitweise bei ihm leben. Doch zwei Jahre später kam es zum Streit mit dem Vermieter – einer Immobiliengesellschaft aus Kassel. Auslöser waren Zweifel an der Wohnungsgröße.

Im Mietvertrag stehen 100 Quadratmeter. Er selbst habe dies zunächst nicht hinterfragt, aber ein Bekannter habe irgendwann gemeint, dass er das mal überprüfen lassen solle. Also beauftragte er ein Kasseler Planungsbüro mit dem Vermessen der Wohnung. Die Fachleute kamen mit ihrem Laser-Messgerät – auch aufgrund der Dachschrägen – nur auf eine Fläche von maximal 88 Quadratmeter. Wobei die Experten anmerkten, dass ein etwa fünf Quadratmeter großer Dachbodenraum eventuell zusätzlich von der Wohnfläche abzuziehen sei. Das entsprechende Protokoll aus 2019 liegt der Redaktion vor.

Mit den Ergebnissen in der Hand wandte sich Gryselka an seine Hausverwaltung und bat um Klärung. „Ich bekam keine Reaktion. Auch als ich nachhakte“, erzählt der 44-Jährige. Daraufhin entschloss er sich, etwas mehr als zwei Monatsmieten einzubehalten. Schließlich habe er über zwei Jahre hinweg ganz offensichtlich monatlich zwischen 110 und 140 Euro – je nach tatsächlicher Wohnfläche – zu viel gezahlt.

Der Vermieter sah dies anders: Er kündigte im Oktober 2019 das Mietverhältnis fristlos und begründete dies mit Mietschulden, die sich nach seiner Berechnung zu dem Zeitpunkt auf gut 2500 Euro beliefen. Diese bestanden aus Sicht des Mieterbundes Nordhessen aber nie, weil der Mieter über viele Monate zu viel gezahlt habe.

Nach dem Kündigungsschreiben habe er seine Mieten zunächst weiter ohne Abzug, aber unter Vorbehalt, weitergezahlt, so Gryselka. Dennoch erhob der Vermieter eine Räumungsklage, die beim Amtsgericht anhängig ist. Bei einer Verhandlung im Juni 2020 wurde festgelegt, dass ein gerichtlicher Gutachter die Größe der Wohnung feststellen soll. Die Suche nach dem Experten sollte sich über Monate hinziehen.

Unterdessen wurde drei Tage nach dem Verhandlungstermin am 5. Juni die Wasserversorgung in Gryselkas Wohnung abgestellt. In einem Anwaltsschreiben an das Gericht, das der HNA vorliegt, wird dies von den Hauseigentümern damit begründet, dass der Mieter seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen sei. „Mitten im Sommer und in der Pandemie waren meine Kinder und ich wochenlang ohne Wasser“, sagt der Vater. Erst als Gryselka mithilfe des Mieterschutzbundes eine einstweilige Verfügung vor Gericht erwirkte, wurde am 24. Juni das Wasser wieder angestellt.

Dass einstweilige Verfügungen jeweils nur ein halbes Jahr Wirkung haben, sollte dem Mieter an Weihnachten abermals zum Verhängnis werden. Pünktlich zum Heiligen Abend war das Wasser wieder abgestellt. Mit einer neuen einstweiligen Verfügung wurde der Vermieter kurz vor Silvester abermals verpflichtet, die Wasserversorgung wieder in Gang zu setzen. „Der Vermieter verhält sich rücksichts- und skrupellos“, so Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterbundes. Das abermalige Abstellen des Wassers bringe die „Missachtung der gerichtlichen Entscheidung zum Ausdruck“.

Nun steht noch die Entscheidung wegen der Räumungsklage aus. Die Suche nach einem Gutachter ist erst kürzlich abgeschlossen worden. Er konnte aber noch nicht tätig werden.

Der Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft beteuerte auf HNA-Anfrage, das Abstellen des Wassers habe allein mit technischen Problemen zu tun gehabt. Zur Räumungsklage äußerte er sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht. (Bastian Ludwig)

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