Kurhausstraße in Kassel

„Wie normale Mieter“: Familie Bornhütter beherbergt Flüchtlinge

Kassel. Keine drei Wochen ist es her, dass die ersten Flüchtlinge in das Haus an der Kurhausstraße in Bad Wilhelmshöhe eingezogen sind. Und doch sieht es schon heimelig aus in der Wohnung im Erdgeschoss.

Das Zimmer der 22-jährigen Abeba und ihres Mannes Kadi ist in warmen Rot- und Orangetönen gestaltet. Den Holzschrank hat die Eritreerin selbst gestrichen. Kunstblumen stehen auf dem Tisch.

Bei der Einrichtung der noch vor wenigen Wochen leer stehenden Wohnungen hat Eigentümerin Johanna Bornhütter die neuen Bewohner mit einbezogen: mit ihnen Gebrauchtmöbel ausgesucht, auf dem Flohmarkt gestöbert, im Baumarkt Farbe gekauft. „Ich wollte ihnen zeigen, wie man auch mit einfachen Mitteln ein schönes Nest bauen kann“, sagt die Kasselerin: „Auch als Vorbereitung, wenn sie einmal in eine eigene Wohnung ziehen.“

Der Klinkerbau am Mulang ist schon das zweite Haus, das die Familie Bornhütter als Flüchtlingswohnheim zur Verfügung stellt. In der Villa Seeberg in Harleshausen, die Johanna Bornhütter zuvor als Pension betrieben hatte, leben bereits seit April Flüchtlinge. Die guten Erfahrungen dort hätten sie dazu bewogen, auch das Haus an der Kurhausstraße der Stadt als Flüchtlingsunterkunft zu vermieten, sagt die 70-Jährige. 16 Menschen aus Eritrea, Äthiopien, Somalia und Syrien sind bereits eingezogen, darunter zwei Schwangere und eine Frau mit Säugling.

Hintergrund: Stadt bezahlt bis zu 16 Euro pro Tag

Für die Unterbringung der Flüchtlinge zahlt die Stadt den Heimbetreibern Geld. Der Betrag liegt je nach Unterkunft und Größe bei 10 bis 16 Euro pro Tag und Bewohner. Inbegriffen sind die komplette Einrichtung, nötige Umbauten (z. B. für Brandschutz) und die Versicherung, die für eine Heimunterkunft in der Regel höher ist als bei normaler Vermietung. Die Betreiber müssen in Absprache mit dem Sozialamt die Belegung koordinieren, für Neuankömmlinge die Zimmer herrichten und die Bewohner einweisen. Auch Hausmeister und Reinigungspersonal müssen vorgehalten werden. „Außenstehenden mag der Tagessatz hoch vorkommen“, sagt Johanna Bornhütter, die mit der Stadt Verträge über drei Jahre abgeschlossen hat. „Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass wir dabei Gewinn machen.“

„Das sind alles sehr angenehme Leute“, sagt Johanna Bornhütter, die mit ihrem Mann direkt gegenüber wohnt. „Sie verhalten sich wie ganz normale Mieter.“ Befürchtungen aus der Nachbarschaft, es könnte Lärm, Müll oder andere Probleme geben, seien nicht eingetreten. Die meisten Reaktionen auf den Einzug der Flüchtlinge seien positiv gewesen, sagt Bornhütter. Es seien Spenden abgegeben worden, ein Nachbar hat einen gemeinsamen Ausflug angeboten. „Über diese Willkommensgesten freuen sich die Bewohner sehr.“

Die Stimmung im Haus ist gut, zwischen den Flüchtlingen und der Eigentümerfamilie herrscht Vertrautheit. Es wird viel gelacht. „Mama“ heißt Johanna Bornhütter bei den Bewohnern. Sie zeigt ihnen, wie man in Deutschland den Tisch deckt - und ist ihnen zugleich behilflich, niedrige Tische für die Zimmer zu besorgen, damit sie wie in der Heimat im Schneidersitz Tee trinken können.

„Wir fühlen uns hier endlich sicher“, sagt die hochschwangere 24-jährige Sarah aus Eritrea auf Englisch. Als Christen wurden sie und ihr Mann Kflom in ihrer Heimat verfolgt. Sie habe eine jahrelange Odyssee hinter sich. Das Mittelmeer haben sie mit 100 Menschen auf ein kleines Fischerboot gepfercht überquert.

Der größte Wunsch aller Bewohner sei, Deutsch zu lernen und zu arbeiten, übersetzt die Eriteerin. Doch für die Sprachkurse gibt es lange Wartezeiten. Auch arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht. „Dass wir hier sitzen müssen und Geld bekommen, ohne etwas dafür zu tun, ist nicht gut“, sagt die 24-Jährige. In ihrer Heimat hat sie als Köchin gearbeitet, ihr Mann als Maler. Dass die Bewohner eine Aufgabe suchen, sieht man auch der Wohnung an: Alles ist picobello aufgeräumt und blitzblank geputzt.

Von Katja Rudolph

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