Forderung nach Berufsorientierung als Schulfach

Mehr Bewerber als Lehrstellen: Bald dreht sich das Verhältnis um

Kassel. Im Bereich von Stadt und Kreis Kassel fällt der Trend auf dem Ausbildungsmarkt besonders deutlich aus: 370 Bewerber mehr (insgesamt 3564), aber 91 Lehrstellen weniger (Gesamtzahl 2959) als im Vorjahr.

Dass dennoch nur 38 Bewerber weiter als suchend gemeldet sind, liegt auch daran, dass sich immer mehr Jugendliche für eine weiterführende Schule entscheiden.

Frank Unger

Noch schließt sich die Schere zwischen Bewerbern und vorhandenen Lehrstellen in der Region nicht. Jahrelang gab es zu wenig Stellen für die Flut der Jugendlichen auf Ausbildungsplatzsuche. Das wird sich nach Einschätzung von Frank Unger, stellvertretender Leiter der Arbeitsagentur Kassel, aber ändern, wenn 2014 die doppelten Abi-Jahrgänge durch sind. Danach wird sich die Situation vermutlich umkehren in einen Bewerbermangel.

Walter Ruß

Dadurch werde es nicht zwangsläufig leichter, die Stellen zu besetzen, macht Unger deutlich. Denn häufig decke sich der Wunschberuf der Jugendlichen nicht mit der Wirklichkeit: Zum einengebe es in beliebten Berufen wie Friseurin und Kfz-Mechatroniker nicht unbegrenzte Stellen, und für weniger beliebte Berufe wie Koch, Gebäudereiniger oder Bäcker gebe es schon heute zu wenige Interessenten. Zum anderen erfüllte eine ganze Reihe Bewerber schon jetzt die Berufsanforderungen nicht.

„Die mangelnde Ausbildungsreife wird uns erhalten bleiben“, sagt Walter Ruß von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Er beobachte zunehmend Defizite in grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen bei Schulabgängern. Selbst wenn Bewerber rein von den Zahlen betrachtet künftig bessere Chancen hätten, dürfe das nicht dazu führen, dass sich Jugendliche zurücklehnen.

Ursula Lange

Das sieht auch Ursula Lange von der Handwerkskammer Kassel so: „Ohne Eignung und Motivation kommen Betrieb und Bewerber auch in Zukunft nicht zusammen.“

Dass die Betriebe sich bereits auf sinkende Bewerberzahlen einstellten, sehe man daran, dass die Ausbildungsverträge inzwischen viel früher abgeschlossen würden, sagt Lange – oft schon im Frühjahr. Ziel müsse sein, durch gute Ausbildungsbedingungen die Lehrlinge auch zu halten. Große Unternehmen schlössen die Verträge teilweise sogar schon ein Jahr vor Ausbildungsbeginn, berichtet auch Walter Ruß von der IHK: „Da hat man noch die freie Auswahl.“

Um dem Problem falscher Vorstellungen bei Jugendlichen zu begegnen, halten Lange, Unger und Ruß eine bessere Berufsorientierung in der Schule für nötig. In Haupt- und Realschulen sei dafür ein fester Platz im Stundenplan sinnvoll.

Ruß betonte, dass es aber auch Aufgabe der Unternehmen sei, ihren Azubis nach der Lehre Weiterbildung zu bieten. Die Berufswahl dürfe nicht in einer Sackgasse enden.

Von Katja Rudolph

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