Interview: "Angebote attraktiver machen"

Kämmerer Barthel: Zuschüsse an Publikumserfolg orientieren

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Fordert, Zuschüsse stärker an den Publikumszuspruch zu koppeln: Stadtkämmerer Dr. Jürgen Barthel.

Kassel. Sind die Zuschüsse für die städtischen Kultur- und Freizeiteinrichtungen angemessen? Und sind sie richtig verteilt? Diese und weitere Fragen stellten wir dem Hüter der Kasseler Finanzen, Stadtkämmerer Dr. Jürgen Barthel (SPD), im Interview.

Fast alle öffentlichen Dienstleistungen und Angebote werden nicht kostendeckend angeboten. Wie bewerten Sie das mit Blick auf den Haushalt?

Dr. Jürgen Barthel: Es ist selbstverständlich, dass alle kommunalen Leistungen auch mit Steuergeld finanziert werden. Das Geld kommt ja letztlich von den Bürgern. Wer etwa im Kasseler Rathaus einen neuen Personalausweis beantragt, zahlt dafür weniger Gebühren als die Bundesdruckerei der Stadt für die Herstellung in Rechnung stellt. Weil es um ein Angebot geht, das von allen gleichermaßen genutzt wird, gibt es selten Streit über eine solche Subventionierung.

Welche Subventionierungen sind umstritten?

Barthel: Ein Streit droht nur dann, wenn es um Leistungen geht, bei denen die Stadtverordneten überhaupt einen Entscheidungsspielraum haben. Ausgenommen sind etwa gesetzliche Ansprüche wie die Übernahme der Wohnungskosten für der Hartz IV-Empfänger. Bereiche, in denen die Stadtverordneten über jeweilige finanzielle Unterstützung entscheiden, sind etwa der Sport-, Jugend- und Kulturbereich.

Opernhausbesucher zahlen für eine Karte der mittleren Kategorie etwa 25 Euro. Um die Kosten zu decken, müsste diese aber 125 Euro teurer sein. Können Sie es verstehen, wenn sich Personen, die etwa nicht zum Bildungsbürgertum gehören, ärgern, dass der Opernbesuch mit ihren Steuern derart subventioniert wird?

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Barthel: Ich habe Verständnis dafür, wenn jemand diese Position einnimmt. Aber Kultureinrichtungen können nie kostendeckend arbeiten. Wenn Hochkultur nicht hoch subventioniert würde, fände sie nicht statt. Meine Erwartung an Theater und Museen ist deshalb, dass diese ein Programm auf die Beine stellen, das gut angenommen wird. Eine Bewertung, ob die Förderung gut angelegt war, würde ich immer anhand der Resonanz treffen.

Haben Stadtverordnete und Magistrat bei ihrer Entscheidung über die Verteilung des Geldes die Resonanz im Blick?

Barthel: Dieses Kriterium sollte noch intensiver in die Überlegungen einbezogen werden. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als ein Angebot, das zwar von den Bürgern bezahlt, aber kaum genutzt wird. Ich hätte ein schlechtes Gefühl, wenn das neu gebaute Auebad jetzt schlecht angenommen würde. Dies ist ja zum Glück aber nicht so.

Was resultiert daraus für Theater, Museen, Bäder etc.?

Barthel: Die Verantwortlichen sollten überlegen, wie sie ihr Angebot attraktiver machen können. Ein Vorbild dafür ist das Naturkundemuseum. Weil es ein großes Publikum erreicht, durfte es vergangenes Jahr 85 Prozent seiner Mehreinnahmen aus Eintrittsgeldern behalten.

Ließen sich Theater- und Museumsbesucher nicht stärker an den Kosten beteiligen? 

Barthel: Die Menschen haben sich an die hohe Subventionierung gewöhnt. Wenn etwa die Karten im Opernhaus um 30 Prozent teurer würden, wäre der Ärger groß. Obwohl die Preise damit immer noch niedriger lägen als der Eintritt für ein Popkonzert.

Aber ein Teil der Investition in Kultureinrichtungen fließt doch anschließend wieder zurück in die Stadtkasse?

Barthel: Ja sicher, etwa dann, wenn die Mitarbeiter ihr Gehalt in der Stadt ausgeben. Dieses Argument gilt aber auch dann, wenn sie mit dem Steuergeld mehr Erzieherinnen in den Kindergärten einstellen würden.

Kultureinrichtungen stehen durch ermäßigte Preise auch bildungsfernen Schichten offen. Damit sind sie doch ein Angebot, das für alle gleichermaßen offen steht.

Barthel: Diese Schichten werden sie allein über den Preis aber nicht erreichen. Egal wie günstig sie den Eintritt machen. Deshalb sollte es darum gehen und damit sind wir wieder am Anfang ein Angebot auf die Beine zu stellen, das ein möglichst breites Publikum erreicht. Denn es wird ja auch von allen bezahlt.

Zuschüsse: Wer bekommt was?

Staatstheater: In der Spielzeit 2012/13 besuchten 227.000 Besucher das Staatstheater. Die Einnahmen aus Kartenverkäufen konnten von 2,6 (Vorjahr) auf 2,7 Mio. Euro gesteigert werden. Der Zuschussbedarf pro Karte liegt im Durchschnitt dennoch bei 125 Euro. Eine Opernkarte müsste im mittleren Preissegment also nicht 25 Euro, sondern 150 Euro kosten

Museen: Das Naturkundemuseum hat im Vergleich mit den anderen städtischen Museen den niedrigsten Zuschussbedarf. Er liegt bei 13,95 Euro pro Gast. Wegen des Umbaus liegen für das Stadtmuseum keine Zahlen vor. Die Museen der Museumslandschaft Hessen-Kassel (Schloss Wilhelmshöhe, Neue Galerie, Orangerie) werden noch stärker bezuschusst. Zahlen kann die MHK nicht liefern.

Bäder: Der Zuschuss für die Bäder lag zuletzt bei 3,8 Mio. Euro. Verteilt auf die 321.200 Badegäste sind das pro Karte 11,97 Euro. Die Zahlen stammen aber aus 2012, als das Auebad noch nicht fertig und das Hallenbad Mitte noch geöffnet war.

ÖPNV: Die KVG erhielt zuletzt jährlich 26 Mio. Euro Zuschuss. In diesem Zeitraum zählte sie 44,8 Mio. Fahrten. Wäre jede Fahrt im Schnitt 58 Cent teurer gewesen, hätte die KVG ohne Zuschüsse auskommen können.

Büchereien: Der Zuschussbedarf pro Ausleihe ist je nach Standort unterschiedlich. In der Jugendbücherei liegt er etwa bei 3,15 Euro, am Standort Oberzwehren bei 8,46 Euro.

Von Bastian Ludwig

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