„Tickende Zeitbombe“: Baubranche beklagt, Mangel an Bauinvestitionen

Kassel. Zu wenig Geld wird in Tief-, Straßen- und Kanalbau gesteckt, bemängelt die Baubranche. Das werde vor allem in Kassels Umlandgemeinden zu einem immer größeren Problem.

Kassel. Der anhaltende Hoch-, Aus- und Umbau-Boom ist nicht zu übersehen: In der Stadt stehen nach Jahren der Enthaltung endlich wieder Baukräne, vielerorts werden Gebäude gedämmt, und zahlreiche Bauschuttcontainer vor den Häusern zeugen davon, dass viele Menschen angesichts mickriger Zinsen und diffuser Inflationsängste ihr Geld lieber in die eigenen vier Wände stecken, als es auf dem Sparbuch zu lassen. Selten sind Wohnungs- und Gewerbebau so gut gelaufen.

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Seit zwei, drei Jahren geht das schon, und auch für dieses Jahr ist die Branche zuversichtlich. Die Folge: Die Baupreise sind zur Freude der Unternehmen und zum Ärger der Verbraucher gestiegen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille: Tief-, Straßen- und Kanalbau liegen danieder. „In Kassel geht es sogar noch, aber in den Umlandgemeinden passiert derzeit fast nichts“, weiß der Geschäftsführer des Verbands baugewerblicher Unternehmen, Andreas Lieberknecht.

Dr. Anne Fenge, Unternehmerin und Vorsitzende des Bauindustrieverbandes in Nordhessen, macht ähnliche Beobachtungen. Erst jüngst habe sie erlebt, dass sich 18 Unternehmen auf eine mit 300 000 Euro vergleichsweise kleine Ausschreibung gestürzt haben, mit zum Teil ruinösen Preisgeboten. „Die Not ist mitunter groß“, sagt sie. Die Gründe liegen auf der Hand. Die meisten Kommunen sind klamm, viele unterm Rettungsschirm und damit oftmals nicht Herr übers eigene Geld. Und das Land legt sich mit der Schuldenbremse selbst die finanziellen Daumenschrauben an.

„Wir fahren die Infrastruktur auf Verschleiß“, beklagt denn auch der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrie-Verbandes Hessen-Thüringen, Dr. Burkhard Siebert. Immerhin messe der Koalitionsvertrag der Verkehrsinfrastruktur gegenüber vergangenen Jahren einen größeren Stellenwert bei, ausreichend sei das vereinbarte Fünf-Milliarden-Sofortprogramm des Bundes aber nicht. Dass kein Geld für Straßen- und Schienenbau, Brücken und Tunnel da sei, lässt der Kasseler Jurist nicht gelten.

Auf 600 Milliarden Euro belief sich das Steueraufkommen in Deutschland im vergangenen Jahr. Dieser Rekordwert soll 2014 nochmals um 40 Mrd. Euro überschritten werden. Allein 53 Mrd. stammen aus dem Straßenverkehr – Kfz- und Mineralölsteuer sowie Maut – nur zehn Mrd. flössen aber in die Verkehrsinfrastruktur. Die Brücken befänden sich in einem katastrophalen Zustand, sagt Siebert auch mit Blick auf die Rhein-Querung im Zuge der A1 bei Leverkusen.

Sie ist seit geraumer Zeit wegen gravierender Schäden für Fahrzeuge über 2,5 Tonnen gesperrt. 1400 Lkw müssen sie täglich umfahren. Der Bauindustrieverband schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren 7000 Brücken saniert werden müssen. Kostenpunkt: rund 7,2 Mrd. Euro. „Da tickt eine Zeitbombe“, warnt Siebert.

Hintergrund

17.000 Mitarbeiter in Nordhessen

Der Bauindustrieverband, in dem vorwiegend mittlere und große Unternehmen organisiert sind, hat in Nordhessen 40 Mitglieder mit knapp 5000 Beschäftigten. Der Verband baugewerblicher Unternehmen hat in Nordhessen 400 überwiegend kleine Betriebe als Mitglieder. Sie beschäftigen 7000 Mitarbeiter. Die Zahl der Mitarbeiter am Bau insgesamt dürfte in der Region aber bei etwa 17.000 liegen, da viele kleine Betriebe nicht organisiert sind. Bundesweit arbeiten rund 730.000 Menschen am Bau – vor zehn Jahren waren es fast doppelt so viele. Kaum eine andere Branche hat einen derartigen personellen Aderlass erlebt.

Von José Pinto

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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