Betrügerischer Vermögensverwalter brachte Anleger um mehr als 60.000 Euro

Kassel. Es war die letzte Chance, und der Angeklagte nutzte sie – für das, was er am besten beherrscht: Selbstmitleid und den großen Auftritt.

Wortreich flehte der 50-jährige Versicherungskaufmann in seinem Schlusswort um ein mildes Urteil, pries sein neues Leben und seine neue Liebe. Doch das Amtsgericht ließ sich nicht erweichen: Weil er zwei Familien mit windigen Anlageversprechungen um ihr Vermögen geprellt hat, muss der Mann für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

„Was Sie getrieben haben, war Bauernfängerei“, stellte Richter Römer nüchtern fest. „Sie haben kein Anlagekonzept gehabt.“ Jedenfalls keines, mit dem das möglich gewesen wäre, was der einschlägig vorbestrafte Angeklagte seinen Kunden versprochen hatte: sagenhafte Renditen, wundersame Geldvermehrung, oder kurz: das Blaue vom Himmel. So hatte er einem Ehepaar zugesagt, aus 20 400 Euro binnen weniger Wochen 25 000 zu machen. Und anderen schrieb er vollmundig: „Sie werden in eine andere Lebensstandardliga geflogen.“

Eine „Selbstdarstellungsneurose“ bescheinigte sich der Angeklagte selbst. Und auch das Gericht hatte sich davon schon ein detailliertes Bild machen können: Bereits 2009 waren die Anklagen gegen den betrügerischen Vermögensverwalter ein halbes Jahr lang verhandelt worden. Und bereits damals hatte der Angeklagte viel geredet, wenig gesagt und noch weniger eingestanden: Schuld waren immer andere. Oder die Umstände. Und vor allem: seine von ihm getrennt lebende Ehefrau.

Weil das Finanzunternehmen auf ihren Namen lief, stellte sich der 50-Jährige als bloßer Angestellter dar – und seine Noch-Gattin als die eigentliche Entscheidungsträgerin. Alle Versuche, die examinierte Krankenschwester in den Zeugenstand zu holen, scheiterten damals jedoch.

Das Verfahren musste deshalb schließlich vertagt werden. Und erst als es jetzt noch einmal neu aufgerollt wurde, erschien die ersehnte Zeugin endlich. Und verweigerte als Angehörige die Aussage.

Trotzdem (oder deshalb) ging alles ganz schnell: So ausgiebig war in der ersten Runde verhandelt worden, dass allen Beteiligten die Beweislage klar war. Ohne dass die Opfer des 50-Jährigen noch einmal vernommen werden mussten, konnten die Vorwürfe so auf knapp die Hälfte beschränkt werden. Übrig blieben sechs Betrugsfälle mit einem Gesamtschaden von mehr als 60 000 Euro. Was immer noch genug war, um den Angeklagten erneut ins Gefängnis zu schicken.

Wegen ähnlicher Betrügereien hat er schon fünf Jahre abgesessen und Schulden in zweistelliger Millionenhöhe angehäuft. Doch immerhin scheint er diesmal etwas gelernt zu haben: „Ich will mit diesem schmutzigen Scheißgeschäft nichts mehr zu tun haben“, verkündete er in seinem tränenreichen Schlusswort. Er verkaufe heute keine Anlagen mehr, sondern Fisch. (jft)

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