"Wir wollen das Geld nicht, sondern faire Preise"

Landwirte demonstrieren gegen Bauernmilliarde und Agrarpolitik

Bauernprotest gegen die Agrarpolitik in Berlin: Landwirte gestern Nachmittag vor dem nordhessischen SPD-Büro in der Humboldtstraße.
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Bauernprotest gegen die Agrarpolitik in Berlin: Landwirte gestern Nachmittag vor dem nordhessischen SPD-Büro in der Humboldtstraße.

So viele Trecker waren wohl noch nie in Kassel unterwegs. Landwirte demonstrien in Kassel gegen die Bauernmilliarde. Viele fürchten, dass ihr Beruf keine Zukunft mehr hat.

Mit dem Traktor hätte es Bianca Siegener nicht rechtzeitig zur SPD geschafft. Die 46-Jährige aus Söhrewald-Wattenbach ist eine von 25 Landwirten, die am Donnerstagnachmittag vor dem nordhessischen SPD-Büro in der Humboldtstraße gegen die Agrarpolitik der Großen Koalition demonstrieren.

Wie die anderen ist auch Siegener wütend. Also hat sie sich schnell ins Auto gesetzt, um nach Kassel zu kommen. Erst wenige Stunden zuvor hatten sich die nordhessischen Landwirte in ihrer 250 Mitglieder zählenden WhatsApp-Gruppe zum Protest verabredet. Selbst aus Hofgeismar ist jemand mit dem Traktor gekommen.

Anlass für den Trecker-Aufmarsch am Rande der Innenstadt ist die „Bauernmilliarde“. So nennt CSU-Chef Markus Söder die eine Milliarde Euro, die die Koalition in vier Jahren für Agrarumweltprogramme und Investitionen zur Verfügung stellen will, wie Union und SPD in der Nacht zuvor in Berlin beschlossen haben.

„Wir wollen das Geld eigentlich gar nicht, sondern endlich faire Preise“, klagt jedoch Landwirt Sascha Kaiser aus Baunatal-Rengershausen. Im SPD-Büro wollen er und seine Kollegen dem einzigen nordhessischen Bundestagsabgeordneten ein Protestschreiben der Initiative „Land schafft Verbindung“ überreichen, in dem die „Milchmädchenrechnung der Koalition“ angeprangert wird. Timon Gremmels ist aber nicht da, sondern zur Sitzungswoche in Berlin.

Johannes Gerhold vom Kreisbauernverband Kassel hatte den Beschluss aus der Hauptstadt zuvor als „reinen Aktionismus“ kritisiert. Auf die 266 000 landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland runtergerechnet, blieben für jeden Landwirt nur wenige 100 Euro im Jahr. Die Messungen, die nun zu strengeren Düngeregeln führen, seien nicht nachvollziehbar.

Der Sozialdemokrat Gremmels kann den Protest der Landwirte verstehen, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Die „Bauernmilliarde“ könne nur „ein Baustein“ zur Förderung sein. Aber: „Rechtlich geht es nicht, dass wir die Umweltvorgaben absenken.“ Über seinen Mitarbeiter bietet er den Protestlern ein Telefonat an. Die wollen aber persönlich mit ihm sprechen. Das Treffen soll im Februar stattfinden.

Von der SPD fährt die Trecker-Kolonne noch zum CDU-Büro in Oberzwehren. So viel Traktoren waren wohl noch nie auf der Frankfurter Straße unterwegs. Landwirtin Siegener fühlt sich von der Union ebenfalls im Stich gelassen: „Es wird viel geredet, aber nichts passiert.“

Für den Liter Milch bekommt sie mit ihrem Mann gerade mal 36 Cent. Auch deswegen arbeitet sie nebenbei noch 16 Stunden pro Woche im Büro. Die 100 Kühe werden am Donnerstag von ihrem Sohn gefüttert.

Der 18-Jährige macht gerade eine Ausbildung zum Landwirt, obwohl sich seine Mutter fragt, ob der Beruf noch eine Zukunft hat: „Er hätte was anderes machen sollen, aber ist mit Leib und Seele Landwirt.“

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