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Bauwägler in Kassel erneut unerwünscht

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie wollen an der Wartekuppe bleiben: Jan Lingelbach (von unten), Carsten Huhn und dessen Sohn Ivo kämpfen für ihre alternative Lebensform im Bauwagen.
Sie wollen an der Wartekuppe bleiben: Jan Lingelbach (von unten), Carsten Huhn und dessen Sohn Ivo kämpfen für ihre alternative Lebensform im Bauwagen. © Ulrike Pflüger-Scherb

Bauwägler Carsten Huhn hat sich vor zwei Jahren ein Grundstück an der Wartekuppe in Niederzwehren gekauft und es von Altlasten befreit. Von dort sollen seine Bauwagen jetzt verschwinden, wie die Bauaufsicht der Stadt Kassel mitgeteilt hat. 

Kassel – Der 51-jährige Carsten Huhn aus Kassel weiß, wie es sich anfühlt, unerwünscht zu sein. Seit vielen Jahren ist Huhn auf der Suche nach einem Platz in Kassel gewesen, auf dem er mit Gleichgesinnten gemeinsam in Bauwagen leben kann. Er ist bereits vor rund 20 Jahren von einem Platz am Kasseler Hafen und von einem Grundstück neben dem Tierfriedhof in Niederzwehren vertrieben worden.

Jetzt sollen seine Wagen von einem Grundstück, das er im Jahr 2020 an der Wartekuppe in Niederzwehren gekauft hat, verschwinden. Die Stadt begründet dies damit, dass es für die Wagen keine Baugenehmigung gibt.

Im Februar 2020 glaubte Huhn, der Zirkuswagen vermietet und umbaut, endlich das Grundstück seiner Träume gefunden zu haben. Nicht wie früher, als die Bauwägler schon mal ein Grundstück besetzten, kaufte Huhn eine Fläche an der Wartekuppe in Niederzwehren.

Bevor er aber seine Wagen auf das 1682 Quadratmeter große Areal stellen konnte, musste er dieses entmüllen und zum Teil entsiegeln, wie er erzählt. „Wir haben rund 120 Quadratmeter asphaltierte Fläche renaturiert, 1,6 Tonnen Altreifen und etwa 20 Kubikmeter Asbestmüll entsorgt“, so der 51-Jährige. „Von dem illegal abgelegten Müll aus den letzten Jahrzehnten mal ganz zu schweigen.“

Auch einen Teich für Kröten und andere Tiere hätten er und seine Mitbewohner auf dem Grundstück angelegt. Dafür habe man 45 Kubikmeter Erdreich bewegt. Huhn berichtet, dass das Grundstück, bevor er es gekauft hat, 20 Jahre ungenutzt und völlig verwahrlost gewesen sei. „Das wurde hier als illegale Müllkippe genutzt. Wir haben Matratzen und Kühlschränke gefunden“, sagt der 42-jährige Jan Lingelbach. Der Tischlermeister lebt ebenfalls auf dem Bauwagenplatz. Insgesamt sind hier drei Erwachsene und zwei Kinder gemeldet sowie zwei Gewerbe angemeldet.

Wenn es nach der Stadt Kassel geht, aber nicht mehr lange. Nachdem Huhn das Grundstück für 22 000 Euro mit Wasser und Strom hatte erschließen lassen, gab es dort einen Ortstermin, um die Kanalkostenbeiträge zu ermitteln.

Daraufhin bekam Huhn im Dezember 2021 ein Schreiben vom Bauaufsichtsamt. Darin hieß es, dass er für die Bauwagen und einen Carport auf seinem Grundstück eine Baugenehmigung benötige. Er sei verpflichtet, einen entsprechenden Bauantrag zu stellen. Das machte Huhn. Allerdings ohne Erfolg.

Im Mai 2022 wurde ihm der Bescheid zugestellt, dass es aus Sicht der Stadt unzulässig ist, auf dem Grundstück Bauwagen anzusiedeln. Sowohl aus baurechtlicher als auch aus naturschutzrechtlicher Sicht.

Grundsätzlich seien dauerhaft abgestellte Bauwagen als bauliche Einrichtungen zu behandeln, erklärt Stadtsprecher Michael Schwab auf Anfrage der HNA. Das Grundstück liege in einem Außenbereich (Paragraf 35 BauGB). Und der Bundesgesetzgeber wolle explizit eine größtmögliche Schonung des Außenbereiches erreichen und weitere Flächeninanspruchnahme verringern. Daher soll der Außenbereich weitgehend von Bebauung freigehalten werden, so der Stadtsprecher.

In dem Bescheid der Stadt an Huhn heißt es aber auch, dass die Bauwagen das Grundstück verunstalteten. Diese Aussage beziehe sich konkret auf den Paragrafen, so Schwab. Das Orts- und Landschaftsbild dürfe nicht durch „wesensfremde“ Nutzungen beeinträchtigt werden. Wesensfremd seien alle baulichen Anlagen, die nicht der land- oder forstwirtschaftlichen Bodennutzung oder der allgemeinen Erholung dienten. Die Bauwagen seien als „wesensfremd“ einzustufen.

Zudem wird Huhn und seinen Mitbewohnern jetzt das Feuchtbiotop zum Verhängnis, das sie nach eigenen Angaben auf dem Grundstück selbst angelegt haben. Die Stadt argumentiert damit, dass das Feuchtbiotop sowie der Gehölzbestand in seiner natürlichen Entwicklung beeinträchtigt würden. Auch wenn Huhn das Biotop selbst angelegt habe, würde dies die „ungenehmigten Eingriffe“ nicht ausgleichen.

Huhn und seine Mitbewohner haben gegen den Bescheid der Stadt Widerspruch eingelegt. Sie wollen für ihre alternative Lebensform „Wagenkuppe“ in Kassel kämpfen. „Die Ämter sind in 20 Jahren keinen Schritt vorangekommen, sie wollen es nicht, und sie wollen auch nicht verstehen, dass Wagenplätze durchaus eine Möglichkeit sind, mit den zunehmenden Umweltproblemen einen Umgang zu finden“, so Huhn. Er habe sich kürzlich bereits zwei Stunden lang mit Oberbürgermeister Christian Geselle über sein Anliegen unterhalten. Der OB habe eine wohlwollende Haltung ihm gegenüber eingenommen, sagt Huhn. Jetzt müsse er nur noch die Ämter überzeugen. „Über Inhalte dieses Gesprächs können keine Angaben gemacht werden“, heißt es indes aus dem Rathaus. Geselle befindet sich aktuell im Urlaub.

Die Bauwägler wollen nicht aufgeben: „In anderen Städten ist die Wohnform schon lange legalisiert, in Hannover etwa seit über 25 Jahren“, sagt Huhn. Aktuell genehmigten viele Kommunen Tiny-House-Siedlungen als sinnvolle Alternativen.

„Wir möchten gerne auch die Kasseler Ämter überzeugen, denn mit dem nötigen Willen stellt das Baurecht kein Problem dar“, so der 51-Jährige. Die Stadt Kassel könne den Bauwäglern alternativ allerdings auch ein anderes Grundstück zur Verfügung stellen. Sofern sie denn eins habe.

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Hintergrund: Stavo-Beschluss nicht umgesetzt

Im Jahr 2003 gab es auf Antrag der SPD einen Stadtverordnetenbeschluss, dass der Magistrat aufgefordert wird, in Kassel ein Grundstück für die Bauwägler zu finden, das die Akzeptanz der Nachbarn finde. Dieser Beschluss ist bis heute nicht umgesetzt. In einem Sachstandsbericht an die Stavo im Frühjahr 2005 habe der damalige Stadtbaurat Norbert Witte mitgeteilt, dass insgesamt mehr als 40 Grundstücke im Stadtgebiet auf ihre Eignung überprüft worden seien, so ein Sprecher der Stadt. Im Ergebnis sei keine geeignete Fläche gefunden worden. Abschließend heiße es in dem Bericht, dass es daher nicht möglich sei, den Beschluss der Stadtverordnetenversammlung umzusetzen.

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