Die Kasseler Aids-Hilfe fing 1987 klein an - Verein berät jährlich 1000 Menschen

Es begann als Tabu

Mitarbeiter der Aids-Hilfe Kassel: Barbara Passolt (von links), Birgit Brockmann, Olaf Rothe, Anita Kaminski, Marion Hornstein-Nebe und Leiterin Andrea Görmer. Foto: Schachtschneider

Kassel. Vor 25 Jahren stand plötzlich eine damals rätselhafte und lebensbedrohliche Krankheit im Zentrum des öffentlichen Interesses: Aids. Sie löste Befremden aus. Das zeigt allein die Tatsache, dass die Worte „Aids“ und „Kondom“ 1987 von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zu den „Worten des Jahres“ erkoren wurden und damit „Perestroika“ und „Glasnost“ toppten.

Beratungstelefon

Zur gleichen Zeit wurde wie in vielen Städten auch in Kassel die Aids-Hilfe gegründet. Doch anders als etwa in Köln oder Hamburg bildete sie sich nicht aus der Schwulen-Bewegung heraus. „Sie war ein Projekt von vielen im Verein Förder-Initiative Sozial Benachteiligter“, erinnert sich Gründungsmitglied Paul Jung. Er war einer von einem halben Dutzend erster Mitstreiter. Das Büro befand sich an der Leipziger Straße.

Auf dem Gesundheitstag im Mai 1987 habe sich der Gedanke forciert, sich von dem Verein zu lösen und unter eigener Regie zu arbeiten, sagt Jung. Ein Beratungstelefon wurde eingerichtet, Besprechungen fanden fortan bei verschiedenen Mitarbeitern statt.

Am 1. Juli 1987 konstituierte sich die Kasseler Aids-Hilfe offiziell und stellte sich unter den Schirm der Deutschen Aids-Hilfe. „Die meiste Arbeit geschah ehrenamtlich.“ Es war eine Zeit, in der Homosexualität noch ein Tabuthema war und sich viele schwule Männer nicht geoutet hatten, erinnert sich Jung. In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung mit Aids in Deutschland setzte sich Ende der 80er-Jahre die damalige Gesundheitsministerin Rita Süßmuth (CDU) mit der Linie einer liberalen Aids-Politik durch. Als Verfechter der herkömmlichen Gesundheitspolitik forderte damals aber der CSU-Politiker Peter Gauweiler Zwangsmaßnahmen: Instrumente einer alten „Seuchenpolitik” sollten eingesetzt werden. Gauweiler orientierte sich an „Moral” und „Schuld”, wollte Infizierte melden, isolieren, notfalls einsperren lassen. „Es war ein Tabuthema“, sagt die Leiterin der Kasseler Aids-Hilfe, Andrea Görmer. 1987 startete das Programm der Bundesregierung zur Bekämpfung von Aids sowie die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Der heute 80 Mitglieder zählende Kasseler Verein hatte seinen Sitz bis 1997 an der Frankfurter Straße 65, und zog dann an die Motzstraße 4, heute residiert er an der Motzstraße 1. Sieben in Teilzeit arbeitende Hauptamtliche kümmern sich um die Klienten. Es sind im Jahr 1000 Menschen, die Rat suchen. „Wir beraten alle Menschen, die Fragen zu HIV und Aids haben, vertraulich, kostenlos und auch anonym“, sagt Görmer. Auch ein HIV--Antikörpertest wird angeboten. Das Aids-Hilfe-Team leistet zudem Präventionsarbeit unter anderem in Schulen und kümmert sich um Menschen in Betreutem Wohnen.

Kontakt: Tel. 0561 / 97 97 59 10, Internet: www.aids-hilfe-kassel.de

Von Christina Hein

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