44-Jähriger erhält Bewährungsstrafe für dilettantischen Raub in Spielothek

„So begeht man  keinen Überfall“

Kassel. „Manchmal habe ich mehr Bauchschmerzen, Bewährung zu fordern“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Göb in seinem Plädoyer. Nicht in diesem Fall. Dieser zeige bedauerlich, wie ein Mann „wegen seiner Spielsucht aus dem bürgerlichen Leben gefallen ist“.

Der 44-jährige Angeklagte hatte mit einem Teppichmesser bewaffnet 300 Euro in einer Kasseler Spielothek erpresst, sich jedoch am folgenden Tag selbst gestellt. Das Urteil des Amtsgerichts fiel gestern entsprechend milde aus: eine 16-monatige Bewährungsstrafe, ohne finanzielle Auflagen.

Mit kargen Worten und dünner Stimme legte der Beschuldigte ein Geständnis ab. Mehrfach beteuerte der Kasseler, wie sehr ihm die Sache leidtue: „Das kam aus dem Spieldruck heraus. Ich wollte niemandem Schaden zufügen.“ Auch habe er ein Entschuldigungsschreiben an das Opfer geschickt. Eine Kopie verlas Richterin Ferchland: „Meine Spielsucht ist mir zum Verhängnis geworden.“

„Meine Spielsucht ist mir zum Verhängnis geworden.“

Angeklagter (44) Vor Gericht

Im Oktober des vergangenen Jahres ist der bis dato Unbescholtene nachmittags zunächst in einem anderen Spiellokal gewesen. Dort habe er 50 Euro verzockt, sagte er vor Gericht. Auf dem Heimweg habe ihn die Sucht in die zweite Spielhölle getrieben - obwohl er bereits pleite gewesen sei. Deshalb sei es überhaupt zu der Tat gekommen: In dem Lokal hat er zunächst die Angestellte beim Geldzählen beobachtet und dann erpresst. „Zufällig hatte ich das Messer einstecken.“

Die Schilderungen der Spielhallenangestellten zeichneten das Bild einer äußerst dilettantischen, für Staatsanwalt und Richterin glaubhaft ungeplanten Tat: „So begeht man doch keinen Überfall - unmaskiert, ohne Handschuhe, vor laufenden Überwachungskameras“, kommentierte die 20-Jährige den Auftritt. Der Gast sei schon eine Weile da gewesen. „Er war nervös, das ist mir aufgefallen. Aber als er Geld forderte, dachte ich zuerst, das ist ein Scherz.“

Der Ernst sei ihr jedoch schnell klar geworden. Der Mann habe „irgendetwas“ aus der Tasche gezogen - „das sah aus wie ein Elektroschocker“ - und es mit einer Drohgebärde auf den Tresen gelegt. Dass es ein Messer war, habe sie gar nicht wahrgenommen: „Er hat auch nicht gesagt: ,Ich steche dich ab‘“, fügte die Zeugin hinzu. Anfänglich sei noch ein anderer Gast in dem Spiellokal gewesen, dieser sei dann vor die Tür gegangen, um die Polizei zu rufen. „Als wir allein waren, kam er zu mir hinter den Tresen, hat das Geld gegriffen und ist ab.“

Gewissensbisse hätten ihn geplagt, deswegen sei er zur Polizei gegangen, sagte der 44-Jährige vor Gericht. Erschrocken über sich selbst habe er sich schließlich in Therapie begeben. Damit erwarb er sich das Wohlwollen von Oberstaatsanwalt Göb: „Es ist davon auszugehen, dass der Raubüberfall eine einmalige Episode im Leben des Angeklagten war.“

Von Ralf Pasch

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