Fachpersonal und Ehrenamtliche arbeiten Hand in Hand

Begleitung am Ende des Lebens: Kasseler Hospiz wird 20 Jahre alt

Festes Personal und Ehrenamtliche arbeiten zusammen: Pflegedienstkraft Heike Trauernicht, Ehrenamtlicher Kristian Orlovius und Hospizleiterin Christina Günther (von links) auf der Terrasse der Einrichtung an der Konrad-Adenauer-Straße.
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Festes Personal und Ehrenamtliche arbeiten zusammen: Pflegedienstkraft Heike Trauernicht, Ehrenamtlicher Kristian Orlovius und Hospizleiterin Christina Günther (von links) auf der Terrasse der Einrichtung an der Konrad-Adenauer-Straße.

Vor 20 Jahren ist an der Konrad-Adenauer Straße 1 das Hospiz Kassel eröffnet worden. Seitdem sind hier rund 1400 sterbende Menschen während ihrer letzten Tage professionell begleitet worden. Fachpersonal und Ehrenamtliche arbeiten Hand in Hand.

Kassel – „Das hier ist ein guter Ort“, sagt Heike Trauernicht: „ein Ort, wo Menschen sterben dürfen.“ Wenn sie ohne Angst, ohne Schmerzen und Luftnot, in ihren Symptomen kontrolliert, den letzten Weg gehen, begleitet von Menschen, die ihnen beistehen und helfen, dann sei das ein guter Weg, ist sie überzeugt.

Die gelernte Krankenschwester arbeitet seit 14 Jahren als Pflegekraft im Kasseler Hospiz. Bewusst hatte sie sich für diesen Arbeitsplatz entschieden.

Zuvor war sie für einen ambulanten Pflegedienst tätig. Im Rahmen ihrer Arbeit pflegte sie eine Frau, die ihre letzten Tage im Hospiz verbracht hat. „Da habe ich zum ersten Mal ein Hospiz betreten und sofort gemerkt: Das ist was ganz Besonderes.“ Die Arbeit habe sie so gereizt, dass sie sich entschied, eine Palliativ-Care-Ausbildung zu machen. So lernte sie, wie die Leiden sterbender und unheilbar kranker Menschen medizinisch gelindert werden können. Anschließend bewarb sich die heute 58-Jährige beim Hospiz an der Konrad-Adenauer-Straße.

Viele Menschen hat sie seitdem zusammen mit einem Dutzend Kolleginnen und Kollegen und den 35 Ehrenamtlichen begleitet. „Wir können hier dem Leben unserer Gäste keine zusätzlichen Tage schenken, aber ihren Tagen mehr Lebensqualität“, sagt sie. Der Unterschied zu vielen Kliniken: „Wir dürfen uns für unsere Gäste viel Zeit nehmen.“ Doch das sei ohne die Arbeit der Ehrenamtlichen nur schwer möglich.

Kristian Orlovius ist einer dieser Freiwilligen. Vor 30 Jahren hatte ein Radiobeitrag den Agraringenieur, der bei K+S arbeitete, auf die damals noch kleine und wenig bekannte Hospizbewegung aufmerksam gemacht. „Mich hat sofort der humanistische Gedanke begeistert und nicht mehr losgelassen“, sagt er. Als Rentner stieg er aktiv ein. 2014 machte er seine Ausbildung beim Hospizverein und arbeitete zunächst eine Zeit lang ambulant. Inzwischen macht sich der 72-Jährige im Hospiz nützlich, überall, wo er gebraucht wird, ob am Bett eines Gastes, beim Grießbreikochen in der Küche oder bei der Pflege des Gartens. Es sei eine erfüllende Arbeit, sagt Orlovius. Man spüre, wie Menschen im Hospiz zur Ruhe kommen und loslassen können.

„Das gute Miteinander von Angestellten und Ehrenamtlichen ist das A und O unserer Arbeit“, sagt auch Hospizleiterin Christina Günther (37). Einer könne sich hier auf den anderen fest verlassen.

Natürlich gebe es auch viele Situationen, die sehr bedrückend und belastend seien, sagt Heike Trauernicht: wenn junge Menschen ins Hospiz kommen oder die Sterbefälle in kurzen Abständen eintreten. Nicht jeder schlafe friedlich ein. „Wir haben es hier zum Teil mit hochkomplexen Erkrankungen zu tun.“ Die verlangten großes medizinisches Know-how und intensive Aufmerksamkeit. Da gehe es nicht nur um Händchenhalten. Als „Anwalt der Gäste“ gehöre außerdem eine gehörige Portion an Angehörigenarbeit dazu. Und dafür bedarf es Einfühlungsvermögen, Geduld, Respekt und Verständnis. Es gebe manchmal Gäste, die etwas loswerden möchten, etwas auf der Seele haben. „Wenn wir diesen Menschen zuhören und dazu beitragen können, dass sie versöhnt mit sich und der Welt gehen, dann ist das gut.“

Kraft schöpften die Mitarbeiter nicht nur aus den professionellen Angeboten wie eine regelmäßige Supervision, sondern vor allem aus dem „guten und solidarischen Verhältnis“ innerhalb des Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen. Das möchte keiner mehr missen, sind sich Heike Trauernicht und Kristian Orlovius einig.

Endgültige Pläne für eine Erweiterung des Kasseler Hospizes gibt es noch nicht. Fest steht jedoch, dass die jetzt sechs Betten um vier weitere aufgestockt werden sollen. Hintergrund ist ein neuer Rahmenvertrag zwischen den Krankenkassen und den stationären Hospizen in Deutschland. Der schreibt für ein stationäres Hospiz mindestens acht und höchstens 16 Betten vor. Entsprechend verändert sich der Personalschlüssel. „Zu groß möchten wir nicht werden, weil uns der familiäre Charakter unserer Einrichtung wichtig ist“, sagt Pflegedienstleiterin Christina Günther. Zurzeit arbeiten im Kasseler Hospiz 13 Pflegefachkräfte auf 9,5 Stellen. Nach dem neuen Vertrag werden es bis zu zwölf Stellen sein. Nachts sollen bei einer Gästezahl von acht Betten zwei Nachtwachen vor Ort sein. „Bei diesen Anforderungen würde sich die Refinanzierung mit sechs Betten schwierig gestalten“, so Günther. Umso mehr, als es seit 2015 gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Hospize fünf Prozent ihrer Kosten durch Spenden und Zuwendungen erwirtschaften müssen. Davor waren es zehn Prozent. Dahinter stehe der ethische Grundsatz, dass mit dem Sterben kein gewinnbringendes Geschäft gemacht werden dürfe. Das Kasseler Hospiz muss demnächst voraussichtlich 70 000 Euro im Jahr durch Spenden aufbringen. 95 Prozent der Kosten übernehmen die Kranken- und Pflegekassen. Auch für den Neubau müssen Spenden eingeworben werden. Eine Erweiterung komme dem Bedarf entgegen, der ist steigend. Günther: „Im vergangenen Jahr mussten wir leider 260 Anfragen Absagen erteilen.“

Mit sechs Gästen, die das Kasseler Hospiz aufnehmen kann, ist es das kleinste in Hessen. 13 Pflegefachkräfte plus Leiterin und 35 ausgebildete Ehrenamtliche arbeiten hier. Am 5. Mai 2000 eröffnete die Einrichtung, die inzwischen in Trägerschaft der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen Hofgeismar ist. Erste Leiterin war die Juristin Christa Joedt. Ihre Nachfolgerin ist seit drei Jahren die Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Palliative-Care-Fachkraft Christina Günther. Sie war vorher Pflegedienstleiterin im Hospiz. Bisher wurden 1394 volljährige Gäste aufgenommen. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt 20 bis 40 Tage. Durchschnittsalter: 40 Jahre. In diesem Jahr, so vermutet Günther, werde das Durchschnittsalter „bestimmt sinken“. Die Feier zum 20-jährigen Jubiläum wird – coronabedingt verschoben – und soll nächstes Jahr, am 24. Juni, zusammen mit dem 25-jährigen Bestehen des Kasseler Hospizvereins begangen werden. Die Ehrenamtlichen werden vom Hospizverein geschult.

(Christina Hein)

Seit 20 Jahre an der Konrad-Adenauer-Straße: Das Hospiz Kassel nimmt Gäste an ihren letzten Tagen auf. Archivfoto: Dieter Schachtschneider.

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