Tipps für Patienten in der Region

Krankenkasse meldet Rekord bei Behandlungsfehlern: Was betroffene Patienten tun können

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Vom Patientengespräch bis zur Operation: Immer mehr Menschen glauben, Opfer eines Behandlungsfehlers geworden zu sein.

Kassel/Göttingen. In Hessen haben sich 21 Prozent mehr Menschen wegen eines Behandlungsfehlers an die Techniker Krankenkasse gewendet als im Vorjahr, in Niedersachsen 15 Prozent. Woran das liegt und was Sie tun können.

Ein falsches Medikament, ein Fehler während einer Operation oder Beschwerden aufgrund einer Prothese: Immer mehr Menschen glauben, Opfer eines Behandlungsfehlers geworden zu sein. An die Techniker Krankenkasse haben sich 2017 in Niedersachsen knapp 15 Prozent mehr Menschen als im Vorjahr gewendet, in Hessen waren es sogar knapp 21 Prozent mehr.

„Die Versicherten sind heute wesentlich kritischer und selbstbewusster als früher“, sagt Medizinrechtsexperte Christian Soltau. Aus den einstigen Göttern in Weiß seien heute normale Dienstleister geworden, deren Leistungen auch in Zweifel gezogen werden können, wenn etwas schief geht. Daher gingen auch immer mehr Beschwerden ein. Dem kann auch Katja Möhrle von der Landesärztekammer in Hessen zustimmen. "Patienten sind gut über ihre Rechte informiert und kritischer geworden", sagt sie.

Die Zahlen im Überblick:

2016

2017

Veränderung in Prozent

Deutschland

4692

5458

16,4

Hessen

437

528

20,8

Niedersachsen

430

494

14,8

Obwohl die Verdachtsfälle in Hessen angestiegen sind, werden an den Gerichten in Kassel allerdings nicht vermehrt Arzthaftungssachen verhandelt: Am Amtsgericht Kassel mit der Zweigstelle in Hofgeismar waren es 2016 und 2017 jeweils 12 Verfahren. Am Landgericht Kassel wurden 2017 112 Arzthaftungsverfahren verhandelt und damit elf mehr als im Vorjahr. „Das pendelt allerdings seit Jahren“, sagt der Vorsitzende Richter Horst Ulrich Schönhofen. Einen kontinuierlichen Anstieg könne er nicht feststellen.

Betroffen von Arzthaftungssachen seien alle Fachbereiche, am häufigsten aber Orthopädie, Chirurgie, Gynäkologie und Zahnmedizin. Erfolg habe eine Klage nur dann, wenn medizinisch festgestellt werden konnte, dass tatsächlich ein Fehler gemacht worden sei. Und gleichzeitig, dass aus diesem Fehler auch ein Schaden beim Patienten entstanden sei.

"Für medizinische Laien ist es häufig schwer einzuschätzen, ob ein Krankheitsverlauf schicksalhaft ist, oder ob er auf einen Fehler des Arztes oder der Pfleger zurückzuführen ist", sagt Soltau. Nur bei jedem dritten Fall verhärte sich der Verdacht, sodass ein Gutachten beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Auftrag gegeben würde. 2016 wurden hier 15.100 Behandlungsfehlergutachten verzeichnet - knapp 5000 mehr als noch 2009. Bestätigt wurde der Vorwurf bei 23,6 Prozent. 

Gleichzeitig geht Soltau aber auch davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Behandlungsfehlern gibt. "Viele Versicherte kommen gar nicht auf die Idee, sich bei der Krankenkasse zu melden und sich Hilfe zu holen", sagt er.

Doch was können Patienten tun, wenn sie einen Verdacht auf einen Behandlungsfehler haben? Wir geben Antworten:

Behandlungsfehler: Definition

Zu den häufig betroffenen Fachgebieten von Arzthaftungssachen zählt unter anderem die Zahnmedizin.

Behandlungsfehler müssen nicht nur Ärzten unterlaufen: Auch Hebammen, Heilpraktiker, Psychotherapeuten oder Krankenpfleger können Fehler bei der Behandlung machen. Möglich sind sie bereits beim Patientengespräch, bei einer Operation sowie bei der Verschreibung von Medikamenten. Ein Behandlungsfehler liegt laut dem Bundesministerium für Gesundheit dann vor, wenn:

  • … die medizinische Maßnahme nicht dem aktuellen, allgemein anerkannten Standard entspricht. 
  • … nicht ausreichend qualifiziertes Personal eine Behandlung durchführt. 
  • … die Abläufe im Krankenhaus schlecht aufeinander abgestimmt sind.

Was tun bei einem Behandlungsfehler?

Im ersten Schritt sollte der Patient das Gespräch mit dem zuständigen Arzt suchen. Viele Krankenhäuser haben außerdem ein Beschwerdemanagement: beispielsweise das Klinikum Kassel oder die Universitätsmedizin Göttingen. An allen nicht konfessionellen Krankenhäusern in Hessen gibt es außerdem Patientenfürsprecher, an die sich Betroffene wenden können. 

Die Krankenkasse DAK rät zudem dazu, vom Arzt die Behandlungsunterlagen zu verlangen und mit den Laborbefunden, Arztberichten und Ultraschallbildern einen weiteren Arzt aufzusuchen, um sich eine Zweitmeinung einzuholen. Sollte sich der Verdacht des Behandlungsfehlers erhärten, ist die Krankenkasse ein wichtiger Ansprechpartner. 

Behandlungsfehler: Krankenkasse informieren

Die gesetzlichen Krankenkassen sind dazu verpflichtet, ihre Mitglieder kostenlos bei Schadensersatzansprüchen zu unterstützen, die durch Behandlungsfehler entstanden sein könnten. Beispielsweise bei der Techniker Krankenkasse gibt es eine Beratungshotline unter 0404606612140 sowie einen Online-Lotsen. Die BKK Herkules in Kassel bietet ein Kontaktformular an und die DAK verweist auf das Fachzentrum Regresse in Bremen.

Behandlungsfehler nachweisen

Um zu klären, ob tatsächlich ein Behandlungsfehler vorliegt, wird der Medizinische Dienst der Krankenversicherung herangezogen: Betroffene können hier ein Sachverständigengutachten einholen. 

Bei Fällen, die noch nicht vor Gericht verhandelt werden und die nicht älter als fünf Jahre alt sind, helfen auch die Landesärztekammern. Bei den hier angesiedelten Schlichtungsstellen in Hessen sowie in Niedersachsen können Betroffene kostenlos begutachten lassen, ob tatsächlich ein Behandlungsfehler vorliegt. 

Behandlungsfehler: Anwalt in der Region

In der Region gibt es zahlreiche Anwälte, die auch im Bereich Arzthaftungsrecht tätig sind. Die meisten unter ihnen wie beispielsweise Daniel Kühn in Kassel, Dr. Jürgens Rechtsanwälte in Göttingen oder Meike Schoeler in Fritzlar haben sich auf mehrere Gebiete spezialisiert. Um herauszufinden, wer Patienten bei Behandlungsfehlern unterstützen kann, hilft eine Google-Suche: Hier am besten "Arzthaftungsrecht" und den jeweiligen Ort angeben. 

Fragen zu Behandlungsfehlern

Die Unabhängige Patientenberatung bietet kostenlose und anonyme Beratung an unter Telefon: 0800/0117722. Die Beratung gibt es auch auf Türkisch (0800/0117723), auf Arabisch (0800/0117725) und Russisch (0800/0117724).

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