Kritik und Verbesserungsvorschläge

Behinderte kritisieren gefährliche Einstiege in Busse und Straßenbahnen

Für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer gefährlich: An der Haltestelle Friedenskirche müssen Fahrgäste Tram und Autos gleichzeitig im Blick haben. Hier überholt ein Mopedfahrer riskant die einfahrende Straßenbahn. Fotos: Dilling

Kassel. Eine Fahrt mit Bus oder Tram wird für Rollstuhlfahrer oft zum Hürdenlauf. Das beginnt bei der Frage, welche Elektromobile von behinderten Menschen die Fahrer in ihren Bussen akzeptieren müssen und endet mit dem Problem zu steiler Rampen und unterschiedlicher Einstiegshöhen.

Diese könnten von Rollstuhlfahrern beim Einstieg in die Tram kaum bewältigt werden, kritisierten Mitglieder des Behindertenbeirats während ihrer jüngsten Sitzung.

Das Gremium fordert klare Regeln für die Mitnahme von Rolli-Fahrern. Man wolle mit der KVG, dem NVV und Stadtbaurat Christof Nolda über Verbesserungen ins Gespräch kommen, sagte Beiratsvorsitzender Helmut Ernst.

KVG: „Bahnen haben keine anderen Einstiegshöhen“

KVG-Pressesprecher Ingo Pijanka weist den Vorwurf zurück, die neue Generation der Straßenbahnen habe andere Einstiegshöhen. Lediglich die Kante der ersten Fahrzeuggeneration, auf die damals die Höhe der Bordsteige an den Haltestellen abgestimmt wurde, sei etwas niedriger gewesen. Allerdings könne der Einstieg für Rollstuhlfahrer in die neuen Bahnen an Haltestellen vor allem im Lossetal tatsächlich schwieriger sein. Das liege an den Klapprampen für Rollstuhlfahrer. Diese klappten in einem ungünstigen Winkel aus. Momentan teste man den Einbau neuer Scharniere. Die Ergebnisse seien vielversprechend.

Ob ein Zebrastreifen oder eine Ampel an der Friedenskirche sinnvoll ist, sei Sache der Stadt. Früher gab es dort einen Fußgängerüberweg. Zum Problem der Mitnahme von Rollstuhlfahrern sagte Pijanka, man habe die gleichen Beförderungsbedingungen wie der NVV. Darin sei bestimmt, dass ein Rollstuhlfahrer vom Busfahrer abgewiesen werden muss, wenn durch dessen Gefährt Ein- und Ausgänge blockiert würden. (pdi)

Busse und Bahnen sind ins Visier des Gremiums geraten, weil kürzlich ein Busfahrer am Bahnhof Wilhelmshöhe einen Rollstuhlfahrer aus Schauenburg mit dem Argument abgewiesen hatte, sein Gefährt habe eine Straßenzulassung. In den Beförderungsbedingungen des Verkehrsverbunds NVV seien aber nur Elektromobile ausgenommen. Dazu zählten ihrer Ansicht nach aber nicht die Rollstühle, sondern andere Arten von Behindertenfahrzeugen, sagte Carola Hiedl, stellvertretende Vorsitzende des Beirats. Der NVV habe selbst eingeräumt, dass das Regelwerk möglicherweise überarbeitungsbedürftig sei. Behinderte mit sehr sperrigen Mobilen seien ebenfalls auf das Wohlwollen der Busfahrer angewiesen, weil die Beförderungsbedingungen auch da Grenzen setzten.

Ob sich etwas zum Positiven ändern wird, ist offen. Der NVV überarbeite seine Beförderungsbedingungen, sagte Pressesprecherin Sabine Herms auf Anfrage. Man sei dabei aber an die Vorgaben der EU-Richtlinien zur Größe und Gewicht von Mobilen und Rollstühlen gebunden. Das werde momentan geprüft.

Rollstuhlfahrer sind nach Ansicht des Beirats auch beim Einstieg in die Straßenbahn mit unzumutbaren Hürden konfrontiert. Die KVG-Trams der neuen Generation hätten eine höhere Einstiegskante. Daher sei die Rampe, die der Fahrer auf den Bahnsteig herunterklappen müsse, nun zu steil. Er sei bei dem Versuch, seinen Rollstuhl zu einem freien Platz in der Bahn zu manövrieren auf die Rampe zurückgerollt und fast nach hinten über gekippt, berichtete Florian Schmerer aus Wehlheiden als Gast der Sitzung. Mehrfach kritisierten Beiratsmitglieder das Rampensystem, das die Busfahrer von Hand bedienen müssen. Herms weist solche Kritik zurück. Vor allem im Winterbetrieb seien die manuellen Systeme zuverlässiger.

Schmerer hält es auch für unzumutbar, dass behinderte Menschen an der Haltestelle Friedenskirche ungesichert die Gleise überqueren müssen. Rollstuhlfahrer müssten auf Trams und Autos gleichzeitig achten. Beiratsvorsitzender Ernst will von Stadtbaurat Nolda einen Zebrastreifen oder eine Ampel fordern.

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