„Sie nehmen mir die Würde“:

Behinderte protestieren gegen neue Verordnung in Trams und Bahnen

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Neue Verordnung: Hildegard Erstmann sitzt im Rollstuhl und muss bangen, ob sie von der Tram mitgenommen wird. Hier am IC-Bahnhof.

Kassel. Eine Welle der Kritik und Empörung schlug den Vertretern von KVG und NVV während der jüngsten Sitzung des Behindertenbeirats entgegen.

Sogar Tränen gab es. Die Behinderten, darunter ein Großteil Rollstuhlfahrer, brachten ihren Protest gegen eine neue sogenannte Mitnahmeverordnung zum Ausdruck. Danach darf in Trams und Bussen nur noch ein einziger Elektro-Rollstuhl oder E-Scooter mitfahren.

„Die Verordnung ist inakzeptabel. Wir wünschen uns dazu dringend ein Gespräch mit den Vorständen der Verkehrsgesellschaften“, sagte der Beiratsvorsitzende Helmut Ernst.

Michael Wiesenhütter (KVG) und Uta Schauf (NVV), argumentierten vor den Anwesenden, es sei gefährlich, wenn in Bahnen und Trams – wie bislang durchaus praktiziert – zwei E-Rollis quer zur Fahrtrichtung nebeneinander stehen. „Wenn ein Unfall passiert, stehen wir in der Verantwortung“, so Wiesenhütter.

Das ließen die Rollstuhlfahrer nicht gelten: „Das ist doch völlig abstrakt“, echauffierte sich Dr. Andreas Jürgens, Erster Beigeordneter beim Landeswohlfahrtsverband: „Es hat noch keinen solchen Unfall mit Rollstuhlfahrern gegeben.“ Wiesenhütter bezeichnete in seinen Ausführungen einen Rollstuhl als Gegenstand, den mitzunehmen ein Tramfahrer letztlich nicht verpflichtet sei. Diese Aussage fand Jürgens „erschütternd“.

Protest: Die Rollstuhlfahrerinnen Cecilia Günther (links) und Kevser Bayri möchten eine Rücknahme der Verordnung.

„Sie nehmen mir die in vielen Jahren erarbeitete Freiheit – und die Würde“, sagte Cecilia Günther aus Baunatal, die regelmäßig Tram fährt, gerne mit einem zweiten Rollstuhlfahrer: „Sie können sich nicht vorstellen, was es für einen Rollstuhlfahrer bedeutet, wenn er stehen gelassen wird.“ Arno Brauer vom Kasseler Seniorenbeirat sagte: „Ich vermisse das Bemühen um intelligente Lösungen.“

„Es heißt doch Öffentlicher Personen-Nahverkehr, und wir zahlen unsere Steuern wie andere auch, sagte Peter Raulhöft, der häufig mit einem E-Scooter unterwegs ist: Wir fühlen uns klar diskriminiert.“ Gegen die Fahrtrichtung zu fahren sei für Viele, etwa Epileptiker, unmöglich. Raulhöft an die Verkehrsgesellschaften gerichtet: „Sie hätten uns Behinderte im Vorfeld einbeziehen müssen, anstatt uns vor vollendete Tatsachen zu stellen.“ „Ich kann nicht anders, als die Verordnung zu verteidigen“, sagte Wiesenhütter. Sie schütze die Fahrer davor, für mögliche Unfälle zur Rechenschaft gezogen zu werden. Er räumte ein: „Wir haben das nicht kommuniziert und das war schlecht.“

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