Menschen mit Handicap produzieren für viele Branchen zu niedrigen Löhnen

Behinderte unter Druck

Vielfältige Produkte aus den Werkstätten: Wolfgang Bertram (von links, Kasseler Werkstatt), Bernd Freudenreich (Hephata-Werkstätten), Doris Beyer (BDK-Caldener Werkstätten, Christoph Ferreau (Hephata-Werkstätten) zeigen im dez eine Auswahl. Foto: Dilling

Kassel. Sie montieren Autoteile, verpacken Ware, arbeiten im Gartenbau, in der Küche, tüten Briefe ein und sitzen auch am Computer: Die Beschäftigten der Behinderten-Werkstätten arbeiten für vielen Branchen. Das rückt die Austellung „Mittendrin“ in den Blick der Öffentlichkeit, die noch bis Samstag, 20. August, im Einkaufszentrum dez zu sehen ist.

Doch die Teilhabe am Arbeitsleben, der Stolz auf die eigene Leistung, hat für die gehandicapten Menschen einen Preis. Sie erhalten viel weniger Geld als normal Beschäftigte und sind einem wachsenden Leistungsdruck ausgesetzt. Für einfache Montagetätigkeiten erhalten Beschäftigte der Werkstätten häufig nur zwei Euro die Stunde.

Olaf Stapel ist geschäftsführender Vorstand der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Hessen und Thüringen (GDW). Er handelt für spezielle Großaufträge Verträge mit Unternehmen aus und koordiniert Aufträge, von denen bis zu 35 000 Beschäftigte in den Werkstätten profitieren. Das Umsatzvolumen liege bei sechs Millionen Euro, sagt er.

Ein Fünftel des Lohns

Stapel nennt ein Beispiel: Arbeitgeber kalkulierten für eine einfache Montage einen Stundensatz von zehn Euro. Das dabei geforderte Arbeitspensum könne ein behinderter Mensch aber nicht schaffen, häufig seien es nur 20 Prozent des Solls. Entsprechend geringer falle auch der Lohn für den Werkstattmitarbeiter aus. Auch die Werkstätten müssten den Gesetzen des Marktes gehorchen.

Dazu gehört ein wettbewerbsfähiger Preis für die Arbeit. Handmontagen rechneten sich in Deutschland häufig nicht mehr und müssten eigentlich in Billiglohnländer ausgelagert werden, sagte Klaus Missing von der Kasseler Firma Bode während der Eröffnung der Ausstellung, die vom GDW, dem dez, der Kasseler Werkstatt, der Baunataler Diakonie (BDK) und der Hephata-Diakonie organisiert wurde. Der Türsystemspezialist vergibt nach seinen Worten eine wachsende Zahl von Aufträgen an die BDK. 2011 peile man ein Volumen von 600 000 Euro an. Die Beschäftigten der Werkstätten arbeiteten zuverlässig und übernähmen auch anspruchsvollere Arbeiten, sagte Missing.

Kassels Stadträtin Anne Janz sagte, die im Wirtschaftsleben steigenden Leistungsanforderungen dürfen nicht eins zu eins auf die Werkstätten übertragen werden. Man solle die Chance nutzen, die Leistung von Behinderten anders zu bewerten.

Zuletzt hatte es in einigen BDK-Werkstätten Proteste gegen drohende Lohnkürzungen gegeben. Deren wirtschaftliches Problem sei aber eher die Ausnahme, weil diese sehr auf die konjunkturabhängige Autoindustrie als Auftraggeber angewiesen sei, sagte Stapel. Die übrigen Werkstätten seien relativ gut durch die Finanzkrise gekommen. (pdi)

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