Gespräch mit Kassels Stadtbrandinspektor

Freiwillige Feuerwehr in Kassel sucht Nachwuchs

Stadtbrandinspektor Jörg Straßer steigt in ein Löschgruppenfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Niederzwehren.
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Wiedergewählt: Stadtbrandinspektor Jörg Straßer.

Der Freiwilligen Feuerwehr in Kassel fehlt es an Nachwuchs. Die Corona-Pandemie ist daran nicht ganz unschuldig. Stadtbrandinspektor Jörg Straßer äußert sich zur Lage der Feuerwehr.

Kassel – Er macht den Job schon seit 2005 – ehrenamtlich, versteht sich. Und er hängt weitere Jahre dran. Jörg Straßer ist am Sonntag bei der Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Kassel und des Stadtfeuerwehrverbandes als Stadtbrandinspektor wiedergewählt worden. Mithilfe des 53-Jährigen beleuchten wir Aspekte der Feuerwehr:

1. Der Posten

Straßer beschreibt sich selbst als Sprachrohr der Freiwilligen Feuerwehren Kassels gegenüber der Berufsfeuerwehr und gegenüber des Magistrats, also der politischen Ebene. An den Stadtbrandinspektor tragen Wehrführer ihre Ideen und Vorschläge heran. Straßer kümmert sich unter anderem um die Ausbildung und darum, dass Geräte beschafft und dass die verschiedenen Standorte in Schuss gehalten werden. Wenn mehrere Feuerwehren bei einem Einsatz nötig sind, koordiniert der Stadtbrandinspektor das Ganze.

2. Der Nachwuchs

Ein Thema, das Straßer besonders am Herzen liegt, ist der Nachwuchs. Das Wortspiel sei erlaubt: Bei der Jugend brennt’s. In den Jugend- und Kinderwehren herrsche derzeit ein Mangel. Ende 2018 verzeichneten die sieben Freiwilligen Feuerwehren bei den Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren insgesamt 126 Mitglieder, aktuell sind es nur noch 93. Bei den Sechs- bis Neunjährigen ging die Zahl von 47 auf 28 zurück.

Diese Entwicklung habe auch mit Corona zu tun, sagt Straßer. Kinder und Jugendliche sind in die höhere Altersgruppe übergetreten, „doch in der Pandemie hatten wir keine Möglichkeit, frischen Nachwuchs aufzunehmen“. Die Jugendwehren seien auch deshalb so wichtig, „weil wir daraus unser Personal ziehen“. Straßer erklärt, dass die Jugendarbeit nicht nur feuerwehrtechnische Ausbildung beinhalte. Auch Freizeiten, Aktivitäten, Spiel und Spaß stünden auf dem Programm.

3. Die Einsätze

Großeinsätze in Kassel halten sich in Grenzen. Straßer spricht von dem Brand in Rothenditmold im Februar, bei dem der Gartenbaubetrieb Böhmelt komplett zerstört wurde. Da seien alle Wehren im Einsatz gewesen. Ansonsten müsse er lange zurückdenken.

Zu einer Einsatzeinheit der Freiwilligen Feuerwehr gehören neun Kräfte: Da wären der Einheitsführer, dann der Maschinist, der den Wagen fährt und zudem Strom und Wasserpumpe bedient. Es gibt zwei Mitarbeiter des Angriffstrupps, die als erstes ins Gebäude stürmen, außerdem zwei Kollegen des Wassertrupps, die für die Wasserversorgung zuständig sind, darüber hinaus ist ein Schlauchtrupp dabei, bestehend aus zwei Leuten, und es gibt den Melder, der flexibel eingesetzt wird. Straßer sagt: „Die Leute müssen wissen, was sie tun.“ Das Ganze funktioniere nur, wenn ein Team optimal zusammenarbeitet.

4. Das Engagement

Eine Feuerwehr müsse rund um die Uhr einsatzbereit sein, sieben Tage die Woche, sagt Straßer. 24/7, wie es ja heute heißt. Er sei selbst immer wieder fasziniert, wie sich die Ehrenamtlichen engagieren. Zumal er weiß, dass der Job nicht ohne ist. „Die Leute rennen raus – und wir rein.“ Sie seien sich der Gefahr bewusst und versuchen, sie zu minimieren.

Die Freiwillige Feuerwehr biete aber auch Kameradschaft. Die Arbeit, bei der sich jeder auf jeden verlassen muss, schweiße zusammen. Zudem vermittele die Ausbildung viel technisches Wissen, „und sie kostet nichts, es gibt sogar eine Aufwandsentschädigung“, erklärt Straßer. Die Grundausbildung umfasst 70 Stunden, danach seien die Freiwilligen mit den Geräten vertraut und bereit, bei Einsätzen mitzufahren. „Neue sind jederzeit willkommen“, sagt der alte und neue Stadtbrandinspektor. (Robin Lipke)

Schon gewusst?

Neben der Berufsfeuerwehr mit der Rettungswache 1 an der Wolfhager Straße gibt es in Kassel sieben Freiwillige Feuerwehren. Die Standorte sind: Bettenhausen/Forstfeld, Harleshausen, Niederzwehren, Nordshausen, Waldau, Wolfsanger, Oberzwehren.

Alle Wehren zusammengenommen, kommt die Stadt auf etwa 250 ehrenamtliche Feuerwehrleute. Bei der Berufsfeuerwehr sind ungefähr 260 Menschen beschäftigt.

Jede Freiwillige Feuerwehr ist einer Einsatzzone zugeordnet. Die Berufsfeuerwehr rückt immer aus, und je nach Größe wird die Freiwillige Feuerwehr parallel alarmiert.

Zu den Einsätzen gibt es Stichworte (F1 bis F4), um die Schwere einzuordnen. F1 bedeutet, dass zum Beispiel eine Mülltonne brennt. In diesem Fall rückt nur die Berufsfeuerwehr aus. Ab F2 kommt auch die Freiwillige Feuerwehr zum Einsatz; dabei handelt es sich um kleinere Wohnungsbrände. F4 steht für die ganz großen Fälle, etwa Industriebrände.

2020 wurden die Freiwilligen Feuerwehren insgesamt 428-mal alarmiert.

Der Jahresbeitrag für die Mitgliedschaft bei einer Freiwilligen Feuerwehr beträgt maximal zwölf Euro.

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