Beide Angeklagten im Kinderporno-Prozess bleiben auf freiem Fuß

Kassel / Schwalm-Eder. Die beiden Angeklagten im Kinderporno-Prozess, ein 51-Jähriger und eine 49-Jährige aus dem Schwalm-Eder-Kreis, bleiben vorerst auf freiem Fuß.

Die Hauptverhandlung wird ausgesetzt. Das entschied die 6. Große Strafkammer überraschend am letzten der ursprünglich vier vom Landgericht Kassel terminierten Verhandlungstage.

Staatsanwalt Setzkorn nannte den Beschluss anstelle des Urteils eine „Katastrophe“. Dieser Bewertung schloss sich die Anwältin der heute 16-Jährigen an, die laut Anklage mindestens dreimal als Kind - teils schwer - missbraucht worden sein soll. Wie berichtet, soll die Mutter ihre Tochter dem heute 51-Jährigen Mann zugeführt und die Taten mit dem Handy gefilmt haben. Der Angeklagte hatte sich immer wieder darauf berufen, dass er im Schlaf von den sexuellen Stimulationen nichts mitbekommen habe.

Trotz der zu erwartenden Verfahrensverzögerung habe die Kammer nach reiflicher Überlegung und nächtlichem Gesetzesstudium entschieden, die Verhandlung auszusetzen, argumentierte Richter Vespermann, dem die Anspannung am Ende einer übervollen Arbeitswoche - er ist auch Beisitzer im Verfahren um den Mord an der Kasselerin Mehtap Savasci - deutlich anzumerken war.

Psychiatrische Gutachten über beide Angeklagte sollen nun klären, ob für diese möglicherweise zusätzlich zur Strafe eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden muss. Kurzfristig sei nicht mit dem Ergebnis der umfangreichen Gutachten zu rechnen, bedauerte Richter Vespermann. Zudem hat die Anwältin der Angeklagten beantragt, dass deren bereits diagnostizierte „depressiv abhängige Persönlichkeitsstruktur“ ebenfalls fachärztlich untersucht wird. Die Mutter war während der Beweisaufnahme immer wieder damit aufgefallen, dass sie ihren ehemaligen Geliebten massiv in Schutz genommen und die Schuld auf sich und ihre Tochter abgewälzt hatte.

Mehrere Male hatte das Gericht sich nach den Einwänden des Staatsanwaltes gegen die Aussetzung zur Beratung zurückgezogen. Aber: Man könne nicht „sehenden Auges“ über die gerichtliche Verpflichtung zum Schutz der Allgemeinheit hinweggehen, argumentierte die Kammer schließlich. Denn Wiederholungstaten seien nicht ausgeschlossen.

Anwältin Barbara Klüpfel, die das heute 16-jährige Opfer vertritt, ist höchst unzufrieden mit dem Gerichtsbeschluss. Mehrere Jahre habe ihre Mandantin auf den Verfahrensabschluss gewartet. „Ein Urteil wäre wichtig für die Geschädigte, damit sie in der Verarbeitung der Geschehnisse vorankommt.“ Die Jugendliche lebt heute in einem Mädchenwohnheim in Unterfranken und wurde von einem Jugendpsychiater als „hochgradig gestört“ eingestuft.

Hintergrund: Wann geht der Prozess weiter?

Es würde ihn überraschen, wenn der Prozess schon im kommenden Jahr fortgesetzt werden könne, sagte der Staatsanwalt, dessen Plädoyer vom Donnerstag mit dieser unerwarteten Wendung wertlos verpuffte. Während Setzkorn verärgert drei Jahre als Zeitrahmen für eine Weiterführung prognostizierte, zeigte sich der Pressesprecher des Landgerichts optimistischer. Wenn die Gutachten vorlägen, gehe er davon aus, „dass es zeitnah wieder losgehen kann“, sagte Dr. Jan Blumentritt, „da das Verfahren schon begonnen hat und die Kollegen eingearbeitet sind“. (and)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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