Am Wochenende feiert die BSG Kassel ihr 60-jähriges Bestehen: Auch Sitzballer dabei

Beinamputierte am Ball

„Auf Schnelligkeit kommt es an“: Rolf Heinze (von links), Dietmar Bruessau, Thomas Abel, Uwe Diederich, Holger Ludolph, Renate Nemenz und Herbert Janzer (Mitte) spielen bei der Behindertensportgemeinschaft Kassel Sitzball. Foto:  C. Steinbach

Kassel. „Je weniger Beine man hat, umso besser ist das.“ Wenn Thomas Abel durch die Halle hechtet und den Ball zentimetergenau in die hinterste Ecke des gegnerischen Feldes schmettert, meint er diesen Satz völlig Ernst. Thomas Abel ist oberschenkelamputiert und Sitzballer der Behindertensportgemeinschaft Kassel (BSG).

Jeden Dienstag trifft sich der 52-jährige mit seinen Mannschaftskameraden zum Training in einer Sportart, die gemächlich klingt - und genau das Gegenteil ist. „Es kommt unheimlich auf Schnelligkeit und Beweglichkeit an“, erklärt Abel seine Leidenschaft auf dem acht mal zehn Meter großen Feld. Und mit weniger Bein sei man eben wendiger.

Über die Leine

Ähnlich wie beim Volleyball spielen sich die Sitzballer den Ball zu – „nach dem dritten Ballkontakt einer Mannschaft muss der Ball über die Leine.“ Diese Leine, ein schwarz-weiß-gestreiftes Stoffband, hängt auf etwa einem Meter Höhe und dient als Netz. Ein Spiel dauert zwei Mal sieben Minuten und die Mannschaft mit mehr Punkten gewinnt. Bis zu zehn Beinamputierte spielen bei der BSG regelmäßig Sitzball, fast alle haben ihr Bein bei Motor-radunfällen verloren. „Das Kawasaki-Syndrom“, wie sie sagen. Etwa zehn Freundschaftsturniere bestreiten die Sportler jährlich, einmal im Jahr wird die Landesmeisterschaft zwischen den vier Sitzballvereinen in Hessen ausgespielt. „Und da waren wir bisher recht erfolgreich, 2006 waren wir letztmalig Hessenmeister“, berichtet Holger Ludolph, Schlagmann der Kasseler Sitzballer. Wenn die Mitglieder der BSG am Wochenende das 60-jährige Bestehen ihres Vereins feiern, wird in der Vereinschronik auch über diesen Titel als Meilenstein des Behindertensports in Kassel zu lesen sein. Am 11. September 1951 wurde die BSG auf Initiative Weltkriegsversehrter in einem Keller des Bundessozialgerichts am Graf-Bernadotte-Platz gegründet, die erste Sparte war die Schwimmabteilung mit nur einer Handvoll Mitgliedern. In der ehemaligen Gerhard-Hauptmann-Schule hinter dem Fridericianum wurde jeden Montag gegen 15 Mark Gebühr trainiert. Heute hat die BSG am Waldauer Fußweg ein eigenes Vereinsheim, bietet 15 verschiedene Sportarten an und zählt über 200 Mitglieder.

Dass das eine tolle Entwicklung ist, finden nicht nur Thomas Abel und Holger Ludolph – gemeinsam mit ihren Vereinskollegen werden sie am Samstag und Sonntag den BSG-Geburtstag feiern. Und in einem Show-Training zeigen, dass Sitzball bei der BSG nicht im Sitzen gespielt wird: „Mannschaften, die gegen uns verlieren, spielen Sitzball. Bei uns müsste es eigentlich Rutschball heißen!“

www.bsg-kassel.de

Von Christoph Steinbach

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