Lagerräume quillen über

Beinprothesen und Regenschirme: Zum Einkaufen im Fundbüro

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Schirmherr: Lothar Pflüger, der als Abteilungsleiter auch für das Fundbüro zuständig ist, freut sich über die vielen Kunden, die gestern in einem Verkaufsraum beim Fundbüro an der Kurt-Schumacher-Straße verlorene Dinge kauften.

Kassel. Eine Frau im Verkaufsraum des Fundbüros will dann doch den Preis drücken. „Nein, wir übernehmen keine Garantie, dass das Gerät funktioniert. Die Uhr kostet drei Euro“, sagt Roenie Probst, Mitarbeiter des Fundbüros, zu der Frau mit der Armbanduhr. Sie legt sie wieder zurück in den Karton.

Zurück zu den anderen Hunderten Armbanduhren, die einst jemand verloren hat und gestern, wie Kameras, Parfum und Unterwäsche, im Fundbüro Kassel zum Verkauf standen.

Die Lagerräume quillen über. Beispiel Regenschirm: Dutzende stehen im Verkaufsraum. Hunderte liegen im Lagerraum. Kassel müsste sich vor Regen eigentlich nicht fürchten. Deshalb haben sich die Mitarbeiter des Fundbüros entschieden, die Sachen künftig zweimal im Monat zu verkaufen, sagt Lothar Pflüger, der als Abteilungsleiter für das Fundbüro zuständig ist.

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Bevor der Verkaufsraum an der Kurt-Schumacher-Straße mit dem Charme einer Bahnhofshalle gegen 8.30 Uhr öffnet, stehen schon bis zu 20 Menschen davor. Kurze Zeit später drängen sie sich auf die 60 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die Profis gehen direkt zu den Elektrogeräten: Kompakt- und Videokameras – was gebraucht ist, geht preiswert weg. Neue, nie benutzte Geräte, die vielleicht mal in der Bahn oder in der Umkleide vergessen wurden, kosten jetzt die Hälfte.

Andere Besucher schlängeln sich am Grabbeltisch mit Unterwäsche, Hemden und Pullovern in Richtung von Federmappen, die Schulkinder irgendwo einmal verlegt haben. „Am meisten werden wirklich Rucksäcke, Regenschirme und Federmappen verloren – aber auch mal eine Beinprothese oder eine Perlenkette für 5000 Euro“, sagt Pflüger. Liegen gelassen werde grundsätzlich alles: Stahlhelme der Nationalen Volksarmee, BHs und sogar Rollstühle. Und selbst als Leiter des Fundbüros verliert man mal was: „Mein Portemonnaie habe ich aber sofort wiederbekommen“, sagt Pflüger.

Wenn ein Gegenstand sechs Monate lang nicht abgeholt wird, geht er in den Besitz der Stadt über. „Dann erst dürfen wir verkaufen“, sagt Pflüger. Zu einem Ladenhüter haben sich neue Smartphones entwickelt. Nicht, weil sie nicht begehrt wären. Neuere Geräte dürften nicht verkauft werden, weil sich trotz Herausnahme der Karte noch Dateien auf dem Gerät befinden könnten, sagt Pflüger. „Wir verhandeln aber gerade mit einem Unternehmen, das die Daten löscht.“

Für etwa 35 Euro sind Ulla und Gerhard Jäger fündig geworden: In ihrer Tüte sind ein noch eingepacktes Aftershave, ein unbenutzter Teddybär und ein Weltempfänger gelandet. „Ich hoffe, der funktioniert noch“, sagt der 84-jährige Gerhard Jäger. „Der Teddybär ist für unsere Enkelin“, sagt seine 78-jährige Frau.

1800 Euro hat das Fundbüro eingenommen, als sie mittags den Raum schließen. „Das ist genial, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Pflüger.

Von Max Holscher

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