Auch Menschen aus Kassel betroffen

Nach Drama in Beirut - Angehörige unter Schock: „Das fühlte sich an wie ein Film“

Inhaber Hussein Hojeij vor seinem libanesischen Spezialitäten-Imbiss an der Mittelgasse in Kassel
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„Wie im Film“: Hussein Hojeij vor seinem Lokal an der Mittelgasse.

Nach Drama in Beirut: Auch in Kassel sind Angehörige geschockt. „Wie geht es der Familie?“ ist in diesen Tagen nach der Katastrophe auch hier zur Standard-Begrüßung geworden.

Kassel – Immer wieder klickt sich Hussein Hojeij durch die Videos, die Bekannte aus dem Libanon im Netz teilen. Die verheerende Zweifach-Explosion in Beirut, die riesige Feuer- und Staubwolke lassen düstere Erinnerungen an den 11. September 2001 aufleben. „Eine große Katastrophe“, sagt Hojeij, der an der Mittelgasse ein libanesisches Imbisslokal mit angeschlossenem Orient-Markt betreibt.

Hojeij kam 2006 aus dem kleinen Mittelmeerstaat nach Deutschland mit seiner Familie, die aus dem Süden Libanons stammt. Seit 1994 hatte er dort mit den Folgen kriegerischer Unruhen leben müssen. „Aber so etwas“, sagt der 39-Jährige „habe ich noch nie im Leben gesehen.“

Nach der schrecklichen Nachricht vom frühen Dienstagabend habe er in seinem Restaurant „wie ein Roboter“ Dienst getan: „Ich konnte nicht denken und war bis 4 Uhr morgens wach, das fühlte sich an wie ein Film.“ Auch unter seinen Gästen mit Verbindungen in den Libanon hätten „alle unter Schock“ gestanden. Seither sei die Standard-Begrüßung im Lokal: Wie geht es der Familie?

In Beirut leben einige von Hojeijs Angehörigen. „Am ersten Tag danach ist keiner von denen an sein Handy gegangen.“ Inzwischen konnte sich der Gastronom vergewissern, dass niemand seiner Lieben verletzt wurde. Aber jeder habe jetzt mit den Folgen der Zerstörung zu tun: „Sämtliche Fenster sind zerstört, jetzt muss jeder seinen Schaden aufräumen, statt zur Arbeit zu gehen.“ Auch die Betroffenen in Beirut hätten noch nicht wirklich begriffen, was ihnen da widerfahren ist, sagt Hussein Hojeij.

Auch Habib El Jouni, der an der Ysenburgstraße einen Autohandel betreibt, ist noch immer fassungslos über das Geschehen in Beirut: „Diese Geräusche – unvorstellbar“, sagt er. „Und wir haben ja auch Kriege erlebt.“

Telefoniert täglich mit Geschwistern: Autohändler Habib El Jouni.

El Jounis Familie stammt ebenfalls aus dem viele Jahre lang mit Waffengewalt umkämpften Südlibanon. Seine Eltern leben nicht mehr, sein Bruder und seine Schwester wohnen heute in einem Vorort von Beirut. „Alles gut, wir telefonieren jeden Tag“, sagt der Kasseler. Wenn es die Möglichkeit gäbe, sagt er, würde er seine Geschwister nach Deutschland holen: „Das wäre mein Traum.“

Denn im Libanon, „da war es vorher schon schlimm und jetzt wird es noch schlimmer“, ist sich der Autohändler sicher. Mit unsicherer Wasser- und Stromversorgung hätten die Menschen schon in relativ ruhigen Zeiten zu kämpfen gehabt. El Jouni lässt durchblicken, dass er wenig Zutrauen in die Behörden und staatlichen Stellen Libanons hat, die Lage zu meistern und für bessere Lebensverhältnisse zu sorgen.

Gastronom Hussein Hojeij will hingegen gewisse Fortschritte wahrgenommen haben: Seit er in Deutschland ist, hat er jedes Jahr mit seiner Familie Urlaub in der alten Heimat gemacht – nur dieses Jahr fiel das wegen Corona aus. Nach der Ankunft am Flughafen Beirut gab es stets Neuerungen in der gebeutelten Stadt zu entdecken: „Jedes Jahr wurde es dort ein bisschen schöner.“

Doch was jetzt passiert sei, das werfe den Libanon „um mindestens 20 Jahre zurück“. (Axel Schwarz)

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