Verbraucher sind skeptisch

Belastete Eier: Kassels Supermärkte und Discounter hüllen sich in Schweigen

Verseuchte Eier: Millionen von mit Fipronil verseuchten Eier sind in den deutschen Handel gelangt. Verbraucher sind skeptisch. Foto: dpa

Kassel. Wer in Kassels Supermärkten vor den Regalen mit Eiern steht, bemerkt vor allem eines: Kunden davor, nehmen eine Packung in die Hand, lesen die Aufschrift genau, stellen den Karton wieder zurück ins Regal und greifen nach der nächsten.

Nachdem das Bundeslandwirtschaftsministerium bekannt gab, dass mindestens drei Millionen mit dem Insektengift Fipronil kontaminierte Eier aus den Niederlanden nach Deutschland geliefert wurden, scheint die Skepsis auch bei Kunden in Kassel groß.

Kunden kontrollieren

Philipp Wendt etwa sagt: „Ich kaufe weiterhin Eier, allerdings achte ich darauf, woher sie kommen.“ Etwas, das man grundsätzlich öfters beim Kauf von Lebensmittel tun sollten, fügt der 28-Jährige hinzu. Ein weiterer Kunde ist ebenfalls skeptisch: „Ich kaufe nur noch, was ich genau kontrolliert habe.“

In Kassels Rewe-Märkten gibt es große Lücken in den Regalen. Kunden finden dort nur noch Eier der Rewe-Eigenmarke. Das können Bio-Eier, Eier aus Bodenhaltung oder Freilandhaltung sein. Die niederländischen Eier nahm Rewe komplett aus dem Programm.

Ein größerer Angebot gibt es bei Penny, die Eier stammen aber alle laut Aufschrift aus Deutschland. Leere herrscht hingegen bei Aldi, der Discounter hat sie komplett aus dem Sortiment genommen.

Großes Schweigen

Die Leiter von Kassels Supermärkten und Discountern hüllten sich bei der HNA-Umfrage in Schweigen. „Wir dürfen nichts sagen“, hieß es. Sie verwiesen an die zuständige Pressestelle.

Ein großer Teil der belasteten Eier sei laut Bundeslandwirtschaftsministerium in den Handel gelangt. In bislang zwölf Bundesländern, darunter auch Hessen und Niedersachsen, warnen Verbraucher vor belasteten Eiern.

Fipronil wird unter anderem als Pflanzenschutzmittel und in der Tiermedizin gegen Flöhe und Zecken bei Katzen und Hunden, aber auch zur Bekämpfung von Läusen, Schaben und Milben eingesetzt. Die Anwendung bei Tieren, die Lebensmitteln liefern, ist streng verboten. Im Tierversuch hat sich Fipronil als akut giftig erwiesen.

Wie Fipronil auf den Menschen wirkt, ist unklar. Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin sieht keine akute Gesundheitsgefährdung.

Belgische Behörden wussten seit Monaten von möglicher Fipronil-Belastung

Der Fipronil-Eier-Skandal

Der Skandal um die mit dem Insektizid belasteten Hühnereier aus den Niederlanden verunsichert Verbraucher auch in Deutschland. Die wichtigsten Ereignisse:

22. Juli: In den Niederlanden wird Fipronil in Eiern von sieben Betrieben entdeckt. Die Höfe werden gesperrt. Zuvor war das Insektizid in Belgien aufgetaucht. Die niederländische Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen ein Putz- und Desinfektionsunternehmen in Barneveld bei Apeldoorn auf wegen des Einsatzes eines Anti-Milbenmittels, dem unerlaubter Weise Fipronil beigemischt wurde. Auf der Kundendatei wurden 180 Höfe in den Niederlanden aufgeführt und vier deutsche. Unklar ist, ab wann das toxische Mittel in den Ställen eingesetzt worden war.

26. Juli: Die niederländische Lebensmittelaufsichtsbehörde NVWA sperrt die 180 Höfe. Die NVWA informiert auch die Behörden von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

30. Juli: Das NRW-Landwirtschaftsministerium gibt bekannt, dass 2,9 Millionen mit Fipronil belastete Eier aus Belgien und den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen geliefert wurden.

31. Juli: Die ersten Testergebnisse in den Niederlanden ergeben: Eier aus einem Stall sind so stark belastet, dass eine "akute Gesundheitsgefahr" besteht. Die Eier von 27 weiteren Höfen sollten Kinder nicht essen.

31. Juli: Niedersachsen empfiehlt die Rückgabe von Eiern aus Belgien und den Niederlanden, die mit Fipronil belastet sein könnten.

2. August: In Niedersachsen wird ein Betrieb gesperrt, der das unerlaubt Mittel benutzt hat. Einen Tag später werden zwei weitere Betriebe in dem Landkreis gesperrt.

3. August: Die NVWA veröffentlicht die Liste mit allen Prüfnummern. Bilanz bisher: 1 Fall - akute Gefahr. 59 Fälle - Risiken für Kinder. Der Rest - Spuren unter den Grenzwerten.

3. August: Große deutsche Discounter haben den Verkauf von Eiern aus Betrieben unter Fipronil-Verdacht gestoppt.

4. August: Alle möglich belasteten Eier wurden aus den niederländischen Supermärkten entfernt.

4. August: Aldi Nord und Aldi Süd nehmen deutschlandweit sämtliche Eier aus dem Verkauf.

Lebensmittelskandale um Geflügel und Eier

Giftfunde in Geflügel und Eiern haben in Deutschland schon einige Lebensmittelskandale ausgelöst.

DIOXIN: Mit dem als krebserregend geltenden Gift belastete Eier sorgten mehrfach für Schlagzeilen. Unter anderem schrecken Ende 2010 Dioxinfunde in Eiern und Geflügel die Verbraucher auf. Tausende Bauernhöfe werden bundesweit gesperrt, Legehennen getötet und der Verkauf von Eiern aus betroffenen Betrieben gestoppt. Als Auslöser gilt verunreinigtes Futtermittel. Auch 2012 werden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit Dioxin und dem dioxinähnlichen PCB (Polychlorierte Biphenyle) verunreinigte Eier entdeckt und aus dem Handel zurückgerufen.

NIKOTIN: 2006 werden Millionen Eier aus einem niedersächsischen Unternehmen nach Nikotinfunden vernichtet. Zwei Männer werden beschuldigt, illegal Nikotinsulfat bei der Reinigung von Ställen eingesetzt zu haben.

NITROFEN: 2002 müssen Zehntausende Legehennen getötet und Eier von Öko-Bauernhöfen vernichtet werden, nachdem bei Tests das Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen nachgewiesen worden ist. Händler stoppen vorsorglich den Verkauf von Eiern und Geflügel aus ökologischem Landbau. Quelle ist Futtergetreide, das in einer Halle gelagert wurde, in dem zu DDR-Zeiten Pestizide aufbewahrt worden waren. (dpa)

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