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Beleidigt und attackiert: Beamter aus Kassel berichtet über Gewalt im Polizeialltag

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Polizeioberkommissar Hiwad H. stammt aus Afghanistan und steht neben einem Polizeiauto vor dem Polizeirevier Mitte.
Er wurde kürzlich offensichtlich wegen seines Migrationshintergrunds im Dienst angegriffen: Polizeioberkommissar Hiwad H. stammt aus Afghanistan und arbeitet im Revier Mitte. © Ulrike Pflüger-Scherb

Körperliche Attacken auf Polizeibeamte in Kassel häufen sich. Hiwad H. erzählt über Beleidigungen und Hass im Alltag eines Polizisten.

Kassel – Wie ist das für die Betroffenen? Wir haben mit einem gesprochen, der das bereits erlebt hat. Manchmal wird er als „Kanake“ oder „Scheiß-Ausländer“ im Dienst beschimpft, an anderen Tagen als „Verräter“ oder gar als „Rassist“. Die Schimpfworte, die Polizeioberkommissar Hiwad H. vom Kasseler Revier Mitte zu hören bekommt, variieren von Situation zu Situation. Das hängt davon ab, ob die Person, die er zum Beispiel kontrolliert, einen Migrationshintergrund hat oder nicht.

Hitlergruß und Beleidigungen: Polizist wegen Migrationshintergrund angegriffen

Beleidigt worden sei er schon öfter im Dienst, sagt der 28-Jährige aus Kassel. In zwei bis drei Fällen hat er danach auch eine Anzeige erstattet. Allerdings ist der Polizeioberkommissar erst einmal körperlich angegriffen worden. Wegen seines Migrationshintergrunds. Das war im November dieses Jahres. Hiwad H. wurde zu einem Einsatz nach Niederzwehren gerufen. Passanten hatten die Polizei alarmiert, weil ein Betrunkener zwei Männer ins Gesicht geschlagen und einen Mann an einer Haltestelle rassistisch beleidigt hatte.

Nachdem die Polizei eingetroffen war, zeigte der betrunkene Schläger zweimal den Hitlergruß. Zudem soll sich der Mann bewusst Hiwad H. ausgesucht und ihn völlig unvermittelt rückwärts in ein Gleisbett gestoßen haben. Auf der Fahrt zum Revier soll der Tatverdächtige den Polizisten auch noch in den Arm gebissen haben. „Er hat auch Scheiß-Kanake zu mir gesagt. Meine Kollegen hat er Bastard und Wichser genannt“, erzählt der Polizist.

Vom Einwanderer aus Afghanistan zum Polizisten in Kassel

Der 28-jährige Hiwad H. stammt aus Afghanistan. Im Alter von sieben Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Er wuchs in Kassel auf, machte hier sein Abitur und studierte kurzzeitig Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Kassel. Das sei ihm aber zu viel Theorie gewesen. Als sich ein Kumpel bei der Polizei bewerben wollte, überlegte Hiwad H. nicht lange. Er schloss sich seinem Freund an.

Hiwad H., der seit 2013 die deutsche Staatsbürgerschaft hat, bestand die umfangreichen Tests mit hohen Anforderungen im ersten Versuch. Seine Familie sei sehr stolz auf ihn gewesen, erinnert er sich. 2015 begann er sein Studium. Nachdem er 2018 mit der Ausbildung fertig war, wechselte er für zwei Jahre zur Bereitschaftspolizei. Seit 2020 gehört er dem Revier Mitte an.

Wenig Respekt: Hass und Gewalt in der Drogenszene

Bevor er sich für den Beruf als Schutzmann entschied, habe er eigentlich nie so richtig mit der Polizei zu tun gehabt, sagt der 28-Jährige. „Ich bin nie kontrolliert worden, wurde nur einmal als Zeuge vernommen.“ Von klein auf seien Polizisten für ihn aber immer Respektspersonen gewesen.

Dass nicht alle Menschen den Polizisten mit Respekt begegnen, das hat Hiwad H. schon mehrfach im Dienst erlebt. Er hat auch die Erfahrung gemacht, dass insbesondere junge Männer mit Migrationshintergrund der Polizei wenig Respekt entgegenbringen. Bei Kontrollen am Stern, Martinsplatz oder in der Jägerstraße, wo erfahrungsgemäß verstärkt mit Drogen gehandelt werde, sei das besonders auffällig.

„Wir kontrollieren ja niemanden gezielt, weil er zum Beispiel schwarze Haare hat “, sagt Hiwad H. Kontrolliert würden Personen, die sich auffällig lange in den Bereichen aufhielten oder bereits wegen Dealen bekannt sind. „Und die steigern sich dann zum Teil da extrem rein und werfen uns Rassismus vor. Aber es gibt auch sehr nette junge Männer mit Migrationshintergrund“, stellt der 28-Jährige klar. Vorwürfe und Beleidigungen gibt es aber auch von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Die würden den Beamten vorwerfen, sie würden nur kontrolliert, weil sie eben Deutsche sind.

„Kenne die Kultur“: Migrationshintergrund kann im Polizeialltag helfen

Einen Migrationshintergrund als Polizist zu haben, habe aber auch Vorteile, sagt der Polizeioberkommissar. In seiner Dienstgruppe im Revier Mitte hätten das etwa die Hälfte seiner Kollegen. Wenn er zum Beispiel wegen häuslicher Gewalt zu einer türkischen Familie gerufen werde, dann verständige er seinen Kollegen mit türkischem Migrationshintergrund.

Sich in der Muttersprache mit den betreffenden Personen unterhalten zu können, beruhige die Lage. Wenn er mit Menschen aus Afghanistan zu tun habe, dann könne er sich mit ihnen auf Urdu oder Paschto unterhalten. „Ich kenne die Kultur von beiden Seiten. Das wirkt deeskalierend.“

Polizei empfängt Bewerber mit Migrationshintergrund mit offenen Armen

Auch wenn es immer wieder zu Beleidigungen und kürzlich zu der Attacke im Dienst gekommen ist, so bereue er nicht, zur Polizei gegangen zu sein, sagt der 28-Jährige- „Ich liebe meinen Beruf. Ich kann Menschen helfen und tue etwas Gutes.“ Zudem werde er immer von seinen Kollegen unterstützt.

Darüber hinaus habe man im Dienst ja auch immer wieder mit netten Menschen Kontakt, die sich für die Arbeit der Polizei bedankten. Es gebe einige ältere Leute, die ihn schon gefragt haben, wo er herkomme, erzählt Hiwad H. „Als ich denen erzählt habe, dass ich aus Afghanistan stamme, haben sie sich gefreut, dass ich zur Polizei gegangen bin.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

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