Letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Wehlheiden

Der beliebteste Mann der Stadt: Das Leben von Georg Henkel und Familie

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Das Grab in Wehlheiden: Hier haben Georg und Marie Henkel, Wilhelm, Margarete und Hans- Georg Henkel sowie Margarete und Dr. Albert Kolbe ihre letzte Ruhestätte gefunden. Herbert Henkel, der 1982 starb, bekam eine Seebestattung.

Es gibt viele Namen und Daten, mit denen man bei einem Spaziergang über einen Friedhof konfrontiert wird. Hinter jedem Grabstein steckt eine Geschichte. Die 17. Folge unserer Serie beschäftigt sich mit der Gastronomenfamilie Henkel, die den Stadtpark und die Bahnhofsgaststätte führte.

Georg Henkel war in den 20er-Jahren der beliebteste Mann in Kassel, seine beiden Söhne Wilhelm und Herbert Henkel wurden 1951 bei der Wahl der populärsten Bürger der Stadt gemeinsam auf Platz 3 gewählt - vor ihnen landeten nur OB Willi Seidel und die Abgeordnete Elisabeth Selbert. Diese Beliebtheit der Henkel-Männer in der Stadt war wohl auch darauf zurückzuführen, dass sie ihren Mitmenschen viel Freude und kurzweilige Stunden bereiteten. Wilhelm und Herbert Henkel betrieben den Stadtpark an der Wilhelmsstraße, eines der größten Unterhaltungs-Etablissements Deutschlands bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Ihr Vater Georg „Schorsche“ Henkel war ein sehr bekannter Kapellmeister.

Kapellmeister beim Infanterie-Regiment 83

PDF-Download: Der Familienstammbaum Henkel

Georg Henkel wurde am 2. Januar 1865 in Weimar am Fuße des Dörnbergs geboren. Sein Vater betrieb dort eine Gastwirtschaft, die später sein Bruder übernahm. Georg Henkel ließ sich stattdessen zum Musiker ausbilden. Nach seiner Ausbildung wurde Henkel zunächst Soldat beim Infanterie-Regiment 83 und schließlich Kapellmeister dieses Regiments. Henkel heiratete Marie Pechmann, die 1866 in Bremen geboren war. Das Paar bekam drei Kinder: Tochter Margarete (1893) sowie die Söhne Wilhelm (1897) und Herbert (1899). Die Familie lebte an der Pfeifferstraße in Wehlheiden. Dort gründete Henkel 1897 eine Musikschule sowie eine eigene Kapelle: Henkels Musiker traten gern in Schwälmer Tracht auf. Höhepunkte waren zweifellos große Symphonien, die er im Wilhelmshöher Schlosshotel, aber auch in anderen Großstädten sowie im Ausland mit seiner Kapelle aufführte.

Fotostrecke: Das Leben der Familie Henkel

Grabsteinserie: Die Gastronomenfamilie Henkel

Die Kasseler Bevölkerung beglückte er mit Platzkonzerten, zum Beispiel im Musikpavillon am Kaiserplatz. Keine Frage, dass er mit seiner Kapelle an prominenter Stelle im großen Festzug der Tausendjahrfeier 1913 durch die Stadt marschierte. Henkel liebte Musik über alles. Als im Jahr 1918 die Gefahr bestand, dass der Stadtpark als Konzertlokal aus finanziellen Gründen mitten in der Stadt geschlossen wird, kaufte er kurzerhand die Lokalität an der Wilhelmsstraße. „Mein Großvater hatte weder Geld noch Ahnung von der Gastronomie“, erzählt Margarete Hodacs, die Tochter von Wilhelm Henkel. Wilhelm und sein jüngerer Bruder Herbert sorgten später dafür, dass der Stadtpark zu einer der bekanntesten Lokalitäten in Kassel und der Region wurde.

Mit dem Zirkus Sarrasani durch Südamerika

Während sich die Henkel-Söhne um die Gastronomie kümmerten, ging Vater Schorsche 1923/24 auf große Tournee: Mit dem Zirkus Sarrasani, der ihn als Kapellmeister für eine Tournee durch Südamerika engagiert hatte. Doch der Kapellmeister arbeitete nicht lange für den Zirkus, weil die Bezahlung ausblieb. Henkel bereiste daraufhin Südamerika mit einer kleinen Kapelle auf eigene Faust. Seitenlange Briefe hat er von Montevideo und Buenos Aires an seine geliebte Frau Marie nach Kassel geschrieben. „Ich bin sehr gespannt, ob mir die Arbeit je wieder schmecken wird, weil ich mich durch die Weltbummelei wohl ,übererholen‘ werde“, teilte er ihr im April 1924 mit. Gleichzeitig beschwerte sich der Kapellmeister über die südamerikanische Musik: „Die Musikverhältnisse sind hier im Allgemeinen fürchterlich, in den besten Häusern hört man nichts anderes als Tango.“ Briefe, in denen er sich aber auch ausführlich nach dem Wohlergehen seiner Kinder erkundigte.

Comedian Harmonists gastierten im Stadtpark

Sohn Wilhelm, der eine Ausbildung zum Kaufmann gemacht hatte, heiratete 1923 Margarete Klingebeil. Die Klingebeils hatten eine Glaserei und einen Kunsthandel an der Wilhelmsstraße, direkt neben dem Stadtgarten. 1923 wurde Sohn Hans-Georg geboren, 1928 folgten Tochter Margarete und 1934 Sohn Jochen. Margarete Hodacs war noch ein kleines Mädchen, als Varieté-Programme mit Weltstars der Artistik und vielen Stars von Bühne und Film im Stadtpark, der von ihrem Vater und ihrem Onkel Herbert betrieben wurde, zu sehen waren. Die Henkels richteten das erste Freilicht-Kino Deutschlands auf dem Gelände ein. In der Lokalität traten die Comedian Harmonists auf, fanden internationale Ringkämpfe statt, Zauberer ließen Elefanten von der Bühne verschwinden, hier wurden unvergessene Feste gefeiert. Schorsche Henkel erlebte das Ende des Stadtparks nicht mehr. Er starb 1932 an den Folgen einer Blutvergiftung. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Stadtpark beschlagnahmt und zu einer Feldpostsammelstelle umgewandelt, beim Angriff am 22. Oktober 1943 wurde er zerstört.

Zwei Jahre später erlebten die Henkels den nächsten Schicksalsschlag: Hans-Georg, der älteste Sohn von Wilhelm und Margarete Henkel, war verwundet aus dem Krieg in ein Lazarett nach Marburg verlegt worden. Einen Tag vor seiner Entlassung gab es einen Bomben-Notabwurf eines amerikanischen Flugzeugs auf das Lazarett. Dabei wurde Hans-Georg am 22. Februar 1945 getötet. Er war 22 Jahre alt. Margarete Hodacs ist sich sicher, dass ihr verstorbener Bruder Theater- oder Fernsehregisseur geworden wäre. An dem Familienbetrieb und der Gastronomie habe Hans-Georg nie Interesse gehabt. Altenheim nach Dr. Albert Kolbe benannt Am Geschäft ihrer beiden jüngeren Brüder hatte Margarete Henkel ebenfalls nie Geschmack gefunden.

Ebenso wie alle anderen Frauen in der Familie Henkel. Margarete heiratete Dr. Albert Kolbe, einen Philologen und Chemiker, der Patentanwalt bei IG Farben war. Berufsbedingt mussten die Kolbes innerhalb von Deutschland viel umziehen. Beide seien sehr traurig gewesen, dass sie keine Kinder bekommen hätten, erinnert sich ihre Nichte Margarete Hodacs. Nichtsdestotrotz hätten Onkel und Tante eine gute Ehe geführt und sich bei den Anthroposophen engagiert. Die Kolbes, die das Elternhaus von Margarete an der Pfeifferstraße geerbt hatten, vermachten ihr Vermögen wiederum der evangelischen Christengemeinde. Das Altenheim in Wehlheiden trägt bis heute den Namen von Dr. Albert Kolbe.

Befreundet mit den Bode-Brüdern

Nachdem der Stadtgarten 1939 beschlagnahmt worden war, übernahmen die Brüder Wilhelm und Herbert 1941 die Bahnhofsgaststätten, die im Krieg ebenfalls zerstört wurden. Die Familie Henkel war eng mit der Familie von Arnold und Paul Bode befreundet. Dort, wo früher der Stadtpark stand, entwarf der Architekt Paul Bode ein neues Geschäftshaus (heute befindet sich dort ein Wäschegeschäft). Zudem wirkten die Bode-Brüder beim Aufbau der Bahnhofsgaststätten mit, die sich nach dem Krieg zu einem In-Lokal und Treffpunkt in Kassel entwickelten. Hier fanden legendäre Karnevalsbälle statt.

1952 wollten die Henkel-Brüder expandieren und eine Raststätte an der Autobahn 7 eröffnen. Auf dem Weg zum Rasthaus erlitt Wilhelm Henkel einen Schlaganfall. Er starb einen Tag nach seinem 56. Geburtstag. Sein Bruder führte fortan die Geschäfte allein weiter. Der Tod von Wilhelm Henkel bedeutete einen großen Schock für die Familie. Dennoch raffte sich Margarete Henkel wieder auf und meisterte ihr weiteres Leben fabelhaft. Sie starb mit 89 Jahren 1987 an Altersschwäche. (use)

Hintergrund: Eine Enkelin erinnert sich

Margarete Hodacs

Margarete Hodacs wurde 1928 in Kassel geboren. Sie ist die Enkeltochter von Georg und Marie Henkel und die Tochter von Wilhelm und Margarete Henkel. Für die Serie „Grabsteine und ihre Geheimnisse“ erzählte die 84-Jährige, die in Baden-Baden lebt, aus dem Leben ihrer Vorfahren. Nach dem Abitur im Jahr 1948 verließ Margarete Henkel zunächst Kassel, um die Fotoschule in München zu besuchen.

Anschließend studierte sie an der Werk-Akademie in Kassel. Nach ihrer Heirat ging sie zum Süddeutschen Rundfunk, wo sie sich zur Cutterin weiterbilden ließ. Nach ihrer Scheidung wechselte sie zum Südwestfunk nach Baden-Baden. Margarete Hodacs hat eine erwachsene Tochter. Ihr Bruder Jochen (77) wurde Industrie-Kaufmann und lebt heute mit seiner Familie in München.

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