Bewegungsmuster erforscht

Bergpark Kassel ist ein Besuchermagnet: So unterschiedlich erleben Kasseler und Touristen das Welterbe

+
Beliebtes Ziel für Einheimische: Während die Kasseler gezielt am Lac unterhalb des Schlosses Wilhelmshöhe spazieren gehen, tummeln sich die Touristen im gesamten Bergpark.

Der Kasseler Bergpark ist ein Besuchermagnet. Einheimische und Touristen erleben ihn jedoch ganz unterschiedlich, wie eine Landschaftsarchitektin herausgefunden hat. 

Ob ein Spaziergänger im Bergpark aus Kassel kommt oder Tourist ist, das erkennt Kerstin Zimmer daran, wo er langgeht. „Die Kasseler laufen meistens um den Lac“, sagt die 35-Jährige. Die Touristen hingegen erkunden den gesamten Park bis hoch zum Herkules. „Oben ist es dann richtig international“, sagt sie.

Zimmer ist Landschaftsarchitektin. In ihrer Doktorarbeit hat sie die Bewegungsmuster der Besucher im Bergpark erforscht. Für ihre Arbeit hat Zimmer jetzt das Postdoc-UNIKAT-Fellowship bekommen – ein Stipendium, das es ihr ermöglicht, sich weiter mit der Orientierung von Menschen im öffentlichen Raum zu beschäftigen und daraus ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Ohne die Wasserspiele würden Kasseler über den Fontänenteich nicht hinauskommen

Gäbe es die Wasserspiele nicht, die Menschen aus Kassel würden wohl nicht höher als zum Fontänenteich laufen, sagt Zimmer. Spätestens am Aquädukt sei für sie dann aber endgültig Schluss. „Weiter hoch ist denen zu anstrengend.“ 

Naherholer nennt sie diese Besucher. „Die Touristen hingegen legen mehr als doppelt so viele Höhenmeter zurück“, sagt die Landschaftsarchitektin. Sie treffe man nicht am Lac. Ein Park, zwei verschiedene Welten.

Ein Jahr lang wurden 500 Besucher mit GPS-Trackern ausgestattet

Hinter diesen Erkenntnissen steckt eine Menge Arbeit. Zimmer hat zusammen mit zwölf Studenten ein Jahr lang über 500 Besucher für die Dauer ihres Aufenthaltes im Park mit GPS-Trackern ausgestattet. Im Anschluss haben die Spaziergänger einen Fragebogen ausgefüllt, machten Angaben zu ihrem Alter, ihrer Herkunft, ihrem Beruf. 

Damit hat es Zimmer geschafft, ein subjektives Thema wie Orientierung objektiv zu messen, indem sie die räumlichen mit den personenbezogenen Daten kombiniert hat. Eine echte Neuheit, denn zuvor wurden diese beiden Methoden im Bereich der Landschaftsplanung noch nie miteinander verknüpft.

Verblüffendes Ergebnis: Alle kamen intuitiv gut zurecht - Wegweiser sind unnötig

Ein besonders interessantes Ergebnis: Obwohl viele Besucher sagten, dass sie während des Spaziergangs den Eindruck hatten, sich nicht gut zurechtzufinden, sind alle intuitiv richtig gelaufen und haben gesehen, was sie sehen wollten. Für Zimmer ist das der Beweis, dass der Park auf ein paar Wegweiser verzichten könnte. „Der Bergpark ist so intelligent geplant, dass Besucher automatisch alles sehen.“

So liefen die Touristen – egal, ob sie sich vor ihrem Besuch informiert hatten, einen Parkplan dabei hatten oder ganz ohne Vorkenntnisse waren – alle gleich: vom Parkplatz zum Schloss, danach zum Aquädukt und zur Teufelsbrücke, die Kaskaden hoch zum Herkules, zurück über die Löwenburg zum Parkplatz. „Das System des Parks in sich funktioniert“, sagt Zimmer.

Zimmer will ihre Methode nun auf andere Gebiete ausweiten

Sie möchte sich nun selbstständig machen. Es sei denkbar, die Methode für andere Parks, Innenstädte, das Campusgelände, für Marketing- oder Tourismuszwecke anzuwenden, und so zum Beispiel Schilder zu optimieren, dafür zu sorgen, dass keine Trampelpfade in unberührter Natur entstehen oder dass Attraktionen auch gefunden werden. Durch das Stipendium hat sie die Chance dazu.

Unterstützung für ihr Vorhaben bekommt sie vom Science Park der Uni Kassel. Dort lernt sie, wirtschaftlich zu denken, und kann zum Beispiel auf das Know-how von IT-Experten zurückgreifen.

„Ohne das Stipendium wäre ich jetzt wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni“, sagt sie. Dabei hätte sie das auch schade gefunden. „Viele Doktorarbeiten verschwinden einfach im Schrank.“

Zimmer selbst kam übrigens zum Studium aus dem thüringischen Nordhausen nach Kassel. Den Bergpark hat sie zuerst auch als Touristin erkundet. Mittlerweile zählt die Roseninsel am Lac zu ihren liebsten Plätzen – eine typische Kasselerin eben.

Von Mareike Ruge

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.