"Der Tod kommt von selbst"

Deutschlands bekanntester Bergsteiger: „Ich habe keine Angst vor dem Tod“

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„Wenn du jetzt einen Fehler machst, war es das“: Extrembergsteiger Thomas Huber am Cerro Kishtwar im Himalaya.

Die Brüder Thomas und Alexander Huber sind Deutschlands bekannteste Bergsteiger: die Huberbuam. Im Interview erklärt Thomas Huber, warum er keine Angst vor dem Tod hat.

  • Thomas und Alexander Huber sind die Huberbuam - die bekanntesten Bergsteiger Deutschlands
  • Extremkletterer Thomas Huber ist am 29. Februar in der Stadthalle Kassel
  • Er erzählt über seine wilde Lebensgeschichte "Steinzeit"

Als Huberbuam sind Thomas und Alexander Huber Deutschlands bekannteste Bergsteiger. Vor seinem Auftritt in Kassel (29.02.2020, Stadthalle) spricht Thomas Huber über sein verrücktes Leben und erklärt, warum der 53-Jährige keine Angst vor dem Tod hat.

Herr Huber, Sie sagen von sich, dass Sie ein verrücktes Leben leben. Wie verrückt war Ihr Tag heute?

Ich war Skifahren. Wir fahren immer abseits der Pisten im Tiefschnee. Ansonsten sitze ich aber auch am Schreibtisch, um Texte zu schreiben, trainiere zuhause an der Kletterwand und bin oft für Vorträge unterwegs.

Wie ist es, unterwegs zu sein abseits der Berge?

Ich habe bei meinen Vorträgen festgestellt, dass das Publikum umso besser ist, je weiter es von den Bergen entfernt lebt. Im Süden rede ich meistens vor Bergsteigern. Die sind viel kritischer und weniger aufgeschlossen. Dagegen sind die Leute in Kassel immer richtig gut drauf. Das macht viel Spaß.

Bergsteiger Thomas Huber liebt Abenteuer

Was werden die Besucher in Kassel von Ihnen hören?

In „Steinzeit“ erzähle ich meine wilde Lebensgeschichte. Ich möchte meinem Publikum mitgeben, dass es sich lohnt, mutige Entscheidungen zu treffen, um dann vielleicht ein aufregendes Leben leben zu dürfen. Ich sage ganz bewusst „dürfen“, denn manche wollen das gar nicht. Das Leben in unserer Gesellschaft ist sehr strukturiert. Jeder weiß, wie es nächsten Monat bei ihm ausschaut. Bei mir ist vieles nicht zu 100 Prozent vorhersehbar. Genau das macht Spaß im Leben.

Sie haben mehrere mutige Entscheidungen getroffen. Das Studium haben Sie abgebrochen. Dann wollten Sie ein Sporthotel eröffnen, ehe Sie Abenteurer wurden.

Notgedrungen, ja. Das mit dem Sporthotel wäre etwas geworden, wenn wir nicht viel Geld verloren hätten. Nachdem wir als Bergsteiger angefangen hatten, fanden wir Sponsoren. Und auch die Vorträge liefen ganz gut.

Wie oft haben Sie gedacht, dass es vielleicht doch die falsche Entscheidung war?

Nie. Ich habe das Glück, dass ich als Abenteurer gutes Geld verdienen kann. Dem begegne ich mit viel Demut. Aber ich könnte auch mit sehr wenig leben. Glück kommt nicht von dem, was du in deinem Geldbeutel hast, sondern dadurch, dass du dein Herz mit schönen Dingen füllst. Mein Glück ist ja nicht nur das Bergsteigen, sondern auch dieses allumfassende Weltbild, das ich über das Bergsteigen bekommen habe. Ich kenne sehr viele Kulturen auf der Welt und habe Freunde in allen Konfessionen und Hautfarben.

Extremkletterer Huber: "Der Tod kommt von selbst"

Aber Ihr Leben ist nicht ungefährlich. Vor einigen Jahren haben Sie sich bei einem Sturz aus 16 Metern eine Schädelfraktur zugezogen. In Pakistan wären Sie fast von einer Lawine getötet worden. Sie hatten auch schon einen Nierentumor. Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Nein. Das letzte Mal war das der Fall, als man bei mir den Nierentumor gefunden hat. Wenn man Spielball des Schicksals ist, hat man plötzlich wieder Angst vor dem Sterben. Aber ich habe keine Angst vor dem Tod, der sich am Berg ereignet. Der Tod kommt von selbst, weshalb man nicht zu oft über ihn nachdenken sollte.

Popstars der Bergwelt: Alexander (links) und Thomas Huber sind die Huberbuam.

Über Ihre Familie sagen Sie, sie sei Ihr Mount Everest. Wie oft sind Sie aus dem Haus gegangen, wenn Sie zu einer Expedition aufbrachen, und dachten: Ich weiß nicht, ob ich meine Lieben wiedersehen werde?

Das ist jedes Mal dasselbe, wenn man bewusst Abschied nimmt. Man weiß immer: Es könnte das letzte Mal sein. Im Prinzip trifft das aber auf jeden zu. Der Brendlberg zum Beispiel, an dem ich 16 Meter tief gestürzt bin, liegt vor meiner Haustür. Ich bin hingeradelt. Das ist keine gefährliche Geschichte. Und trotzdem hätte es dort passieren können, dass ich heute nicht mehr da bin.

Wie kann man noch Abenteurer sein, wenn man Kinder hat?

Für die Kinder empfindet man diese Urliebe. Du wirst dich immer für die Kinder und das Leben entscheiden. Wobei ich am Berg nie ein Hasardeur war. Ich wollte immer überleben. Und trotzdem geht man als Entdecker stets erneut an die Grenze, an der man weiß: Wenn du jetzt einen Fehler machst, war es das. Man kann nur schwer erklären, warum man das macht. Wahrscheinlich ist es einfach so unglaublich schön, das Leben zu spüren.

Bergsteigen ist sich Schritt für Schritt heranzutasten

Himalaya und Alpen sind von Bergsteigern überlaufen. Auch Sie kritisieren Auswüchse des Tourismus. Die Menschen klettern aber auch deshalb auf Gipfel, weil Abenteurer wie Sie das Bergsteigen populär gemacht haben. Sehen Sie sich in einem moralischen Dilemma?

Nein, denn wir vermitteln das Bergsteigen ganz anders, als es die meisten Reiseagenturen tun. Dort gibt es Komplettangebote, die versprechen: „Mit etwas Kondition schaffen Sie den Mount Everest, wenn Sie 40 000 Euro bezahlen.“ Wir vermitteln dagegen, dass man sich beim Bergsteigen Schritt für Schritt an einen höheren Schwierigkeitsgrad herantastet. Dazu gehört der Respekt vor anderen Menschen und Kulturen.

Für Ihren Beruf reisen Sie um die ganze Welt. Wie lebt man als Bergsteiger nachhaltig?

Indem ich etwas zurückgebe, was ich auf meinen Reisen erfahren habe. Unser CO2-Fußabdruck ist vielleicht nicht der Beste. Aber wir bauen zum Beispiel in Pakistan Schulen und Wohnheime, außerdem entstehen Wasserleitungen. Mit unserer Himalaya-Karakorum-Hilfe geben wir den Menschen in den Bergdörfern eine Perspektive. Außerdem hinterfragen wir jede Reise. Wir reisen nur, wenn wir glauben, dass es notwendig ist. Wir Bergsteiger kennen dieses Dilemma.

Sie werden dieses Jahr 54. Wie ist es, als Bergsteiger zu altern?

Es geht bergab, nicht steil, aber es geht bergab. Man braucht länger zur Regeneration. Einiges funktioniert nicht mehr so. Beim Extrembergsteigen braucht man aber mehr Glück als Können. Darum können wir immer noch in der Elite mitspielen.

Thomas Huber: Steinzeit. Samstag, 29. Februar (20 Uhr), beim Live-Reportagen-Festival Horizonta, Stadthalle, Holger-Börner-Platz 1. Tickets gibt es ab 21,90 Euro beim HNA-Kartenservice. Horizonta

Wie es sich fühlt, auf einem mehr als 6000 Meter hohen Gipfel zu stehen weiß auch Eckhart Schenk. Der Fritzlarer Bergsteiger teilt seine Erlebnisse in Vorträgen.

Der Mount Everest ist der höchste Berg der Welt. Immer mehr Bergsteiger versuchen das "Dach der Welt" zu erklimmen. 2019 war ein schlechtes Jahr für die Extrembergsteiger.

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