Erinnerungen an 1989

Grenzenlose Freude: Nach Mauerfall herrschte Ausnahmezustand in Kassel

Bananenlaster vor dem Rathaus: Am Wochenende nach der Grenzöffnung erlebte Kassel einen Ansturm von Besuchern aus der DDR. Von diesem Laster vor dem Rathaus wurden Bananen und andere Südfrüchte verkauft. Foto:  Stadtarchiv/nh

Kassel. Die Grenzöffnung im November 1989 sorgte für einen Ansturm von Besuchern aus der DDR. In Kassel herrschte damals ein euphorischer Ausnahmezustand. Daran wollen wir mithilfe von Zeitzeugenberichten unserer Leser erinnern.

Dieses erste Wochenende nach der Grenzöffnung vor 25 Jahren wird niemand vergessen, der damals dabei war. „Mit einem solchen Ansturm hat doch niemand gerechnet“, sagte der damalige Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel später.

Am Samstag vor 25 Jahren um sieben Uhr klingelte bei ihm das Telefon. Ein Ansturm von Besuchern aus der DDR sei in der Stadt zu erwarten, die Zufahrtsstraßen seien voll mit Trabis und Wartburgs. Zu diesem Zeitpunkt standen schon mehr als 1000 Menschen vor dem Kasseler Rathaus. Eine Stunde später reichte die Schlange der Wartenden einmal um das ganze Gebäude herum. Alle wollten sich das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark abholen.

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Säckeweise wurde Geld von Mitarbeitern der Kasseler Sparkasse zum Rathaus transportiert. Wer schon am Samstagvormittag kam, konnte mit dem Begrüßungsgeld gleich einkaufen gehen. Genau das wollten die meisten Menschen, die damals aus Eisenach, Gotha, Mühlhausen oder Arnstadt nach Kassel kamen. Wildfremde Menschen fielen sich um den Hals, es herrschte ein chaotisch-euphorischer Ausnahmezustand.

Helga Neukirchen aus Baunatal erinnert sich an einen fünfjährigen Jungen aus der DDR, der im Kaufhof auf dem Boden saß und jämmerlich weinte. Der Enkel ihrer langjährigen Freundin habe einfach nicht gewusst, was er sich für die fünf Mark, die er ausgeben durfte, denn nun kaufen solle. „Der war im wahrsten Sinne des Wortes vom Angebot erschlagen“, hat sie uns geschrieben.

Menschenmassen vor dem Rathaus: Oberbürgermeister Hans Eichel begrüßte damals die Besucher.

Helga Neukirchen gehört zu den zahlreichen Menschen, die sich nach dem Aufruf in der HNA gemeldet haben. Am ersten Samstag nach der Grenzöffnung wurde auch der Kasseler Einzelhandel vom Ansturm überrascht. Johannes Stickel, der damals Chef der Kaufhalle (heute Sinn Leffers)war, erinnert sich an eilig einberufene Besprechungen. Mit dem eigenen Betriebsrat und dem vom Kaufhof habe man sich auf eine Verlängerung der Öffnungszeit von 14 auf 15 Uhr geeinigt. Am Sonntag habe die Kaufhalle als einziges größeres Geschäft in der Innenstadt von zehn bis 17 Uhr geöffnet gehabt.

Der Ansturm war enorm. Auch vor dem Fruchthaus Valencia von Juan Girbal an der Wilhelmsstraße und am Lkw des Obsthändlers Volker Ritte bildeten sich lange Schlangen. Erst eine Woche später waren auch die anderen Geschäfte in der Innenstadt geöffnet. Der Ansturm war noch längst nicht vorüber und ging nahtlos in die Vorweihnachtszeit über.

Von Thomas Siemon

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Video aus dem Archiv - Als die DDR zerbrach: Der Tag, an dem die Grenze bei Bad Sooden-Allendorf fiel 

 

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